Wo bleibt der Aufstand?
Wo bleibt der Aufstand der Menschen, so frage ich mich. Wo bleibt der Aufschrei jener, die in unserer Gesellschaft nicht ganz vorne gereiht sind? Wo vor allem bleibt eine Reaktion der Politik, die ja immer vorgibt, sich für die Menschen, die gewöhnlichen Menschen, nicht nur für die, die es sich ohnehin schon längst gerichtet haben, einzusetzen? Das alles fragt man sich, wenn man die jüngsten Zahlen zur Vermögensverteilung in Österreich liest. Das erschreckende Ergebnis: Die meisten haben wenig oder fast nichts, ganz wenige haben vieles, fast alles. Das war zu lesen; von einer Reaktion habe ich nichts gehört.
Im Detail schaut das so aus (Zahlen von der Arbeiterkammer): Es gibt mehr Reiche, als man bisher angenommen hat, und diese Reichen haben viel mehr Vermögen, als bis dato gedacht. Das reichste Prozent in Österreich verfügt über mehr als vierzig Prozent des gesamten privaten Vermögens. Weitere 16 Prozent des gesamten Vermögens besitzen die folgenden zwei bis fünf Prozent. Einfacher: Die reichsten fünf Prozent halten gemeinsam 56 Prozent des Vermögens in Österreich. Das ist der oberste Teil der Skala. Der unterste schaut dementsprechend triste aus. Die unteren 90 Prozent verfügen zusammen nur über ungefähr 34 Prozent des Vermögens. Im direkten Vergleich: Die letzten 90 Prozent besitzen weniger als das reichste Prozent allein.
Wenn man sich diese Zahlen, die man noch genauer ausführen könnte, ansieht, dann fragt man sich schon, ob wir tatsächlich in einem Staat mit gerechter Verteilung leben. Man fragt sich auch, um am Anfang anzuknüpfen, warum die 90 Prozent, die fast nichts haben, nicht aufbegehren gegen das eine Prozent, das allein mehr hat als sie alle zusammen. Aus geringeren Unterschieden wurden früher Revolutionen geschnitzt.
Die Unterschiede können ja nicht daran liegen, dass die Menschen, die dieses eine Prozent bilden, so ungeheuerlich viel mehr gearbeitet und gespart haben als die 90 Prozent, die demnach nichts auf die Seite gebracht haben. Nachdem sich die Besitzverhältnisse in Österreich in den letzten Jahren dramatisch zugunsten der Reichen geändert haben, darf man auch die Frage nach der Politik stellen, die da nicht zur zugeschaut, sondern den Dingen einfach ihren Lauf gelassen hat. Man fragt sich, warum das im Wahlkampf eigentlich keine Rolle spielt. Kann das damit zu tun haben, dass die Reichen mehr Einfluss auf den Gang der Politik haben als die Habenichtse am unteren Ende der Skala?
„Es gibt mehr Reiche, als man bisher angenommen hat, und diese Reichen haben viel mehr Vermögen als bis dato gedacht.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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