Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Sehen, was Architektur kann

Kultur / 27.10.2017 • 18:34 Uhr

Jetzt ist wieder die Zeit, in der traditionell viele Landsleute Richtung Südtirol ziehen, um dort beim Törggelen, also bei Wein und Kastanien, einige gute Tage zu erleben. Manche von ihnen suchen aber nicht nur den feinen Grauvernatsch oder andere typische Sorten des Landes an der Etsch, sondern gehen auch der Kultur nach. Etwa mit einer Anfahrt über den Vintschgau, um dort die einzigartigen romanischen Baudenkmäler zu sehen, die Fresken im Kloster Marienberg, die vorromanische Kirche St. Benedikt in Mals, den Weg ins Müstairtal mit St. Johann und jenseits der Schweizer Grenze das Kloster Müstair, schließlich auch St. Prokulus in Naturns. Oder, vom Brennerpass kommend, den Dom in Brixen mit dem Kreuzgang und der Johanneskapelle, schließlich natürlich auch den Dom in Bozen. Aber nicht alle wollen sich historischen Bauten zuwenden, nicht wenige suchen auch das Neue, die Architektur unserer Zeit. Und da können sie in Südtirol erstaunlich fündig werden.

Wir in Vorarlberg neigen dazu, das Zentrum neuer Architektur bei uns zu vermuten, wir meinen auch, kaum irgendwo anders gebe es ähnlich viele Beispiele dafür. Ganz falsch ist das ja auch nicht, aber ganz richtig eben auch nicht. Denn es gibt ganz in unserer Nähe wunderbare Beispiele, denken wir an die Schweiz, an Graubünden, an Tirol und eben auch an Südtirol. Vor Kurzem ist das Buch „Schauplätze der Architektur in Südtirol“ (Folio Verlag) von David Calas, Architekt und Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Wien, erschienen. An nahezu fünfzig Bauten quer durchs Land zeigt Calas, dass es nicht nur die bekannten Beispiele bei den Weinkellereien, sondern auch eine ganze Reihe anderer bemerkenswerter neuer Bauten im südlichen Tirol gibt, die einen Besuch lohnen.

Calas lässt die Auswahl originellen Themen folgen. Mit „hem obn“ etwa meint er Bauten am Berg, ganz oben, Hütten, Seilbahnstationen oder Kletterzentren, bei „mit der erd“ findet man eine Feuerwehrhalle, die in den Felsen gebaut wurde, unter „s’briggl“ sind es natürlich Brücken und unter „betn“ Kirchen, Kapellen oder Friedhöfe. Man sieht, die Bandbreite ist groß. Und es ist schon so, wie Angelika Fitz, die aus Vorarlberg stammende Direktorin des Architekturzentrums Wien, im Vorwort meint: „Architektur ist kein Luxus. Es geht um unser Leben. Reisen Sie also ins Südtirol und erleben Sie vor Ort, was Architektur kann!“

„Wir in Vorarlberg neigen dazu, das Zentrum neuer Architektur bei uns zu vermuten.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.