Wir haben das alte Jahr überlebt
Was wollen wir mit diesem alten Jahr? Wem wollen wir es vorlegen zur Beurteilung, wen fragen, ob wir die Dinge, wie wir sie gemacht haben, richtig gemacht haben? Und wenn wir schon in unserem eigenen Bereich nicht wirklich wissen, wie alles gelaufen ist, wie wollen wir dann das größere Ganze beurteilen, wie die Entwicklung bei uns im Land und im Staat oder gar den Lauf der Welt beurteilen? Natürlich wissen wir manches, zum Beispiel, ob das vergangene Jahr wirtschaftlich erfolgreich war. Dazu müssen wir nur auf unseren Kontostand schauen – wenn wir uns trauen. Wir können vielleicht auch beurteilen, ob in unserer Republik mehr Blödsinn oder mehr gut gelaufen ist. Und schließlich können wir ganz sicher sagen, dass die Entwicklung der Welt weniger gut gegangen ist, dass sie – noch mehr als früher – verrückt geworden ist, dass Terroristen weite Teile der Welt im Griff haben, dass die Mächte mit ihrem Waffenarsenal so heftig Krieg spielen, dass man fürchten muss, dass aus dem Spiel Ernst wird.
Man kann aber auch all das außer Acht lassen und mit dem deutschen Schriftsteller Lothar Schmidt sagen: „Jeder hat Grund, den Beginn des neuen Jahres zu feiern. Er hat ja das alte überlebt.“ Das allerdings ist die einfachste Formel. Denn ebenso beurteilen sollten wir schon, wie die Menschheit und vor allem auch wie der einzelne Mensch überlebt hat. In der Welt und bei uns. Und da fällt die Bilanz nicht nur bescheiden, sondern sogar schrecklich aus. Die Kriege auf dieser Welt treten noch immer in den ärmsten Gegenden auf, sie machen dort noch immer die ohnehin schon getroffene Bevölkerung, vor allem die Frauen und Kinder, krank, hilflos, verzweifelt. Und niemand – außer ein paar Gruppen wie das Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen – hilft. Sie können aber nie das aufholen, was die Kriege täglich kaputt machen.
Oder die Millionen Flüchtlinge dieser Welt, die meist ihre gesamten Ersparnisse irgendwelchen kriminellen Schleppern geben, die sie auf gefährlichen Wegen ins vermeintlich gelobte Land bringen sollen – sofern sie den Weg überleben. Und dann kommen sie an, beispielsweise in Österreich, und da werden sie dann, wie das die neue Regierung vorsieht, in Heime außerhalb der Wohnzentren gesteckt, damit sie niemand sieht und sich niemand an ihnen stößt. Und Handy und Geld wird ihnen auch abgenommen, die Mindestsicherung sowieso gekürzt. Dem sagt man dann Willkommenskultur. Aber immerhin: Wir haben überlebt. Und feiern das neue Jahr.
„Und da fällt die Bilanz nicht nur bescheiden, sondern sogar schrecklich aus.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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