Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Geschichte mit Geschichten

Kultur / 04.01.2018 • 18:23 Uhr

Geschichte war in der Schule ein problematisches Fach. Eigentlich war ja alles sehr spannend – wenn man es uns erzählte. Manche Lehrer allerdings wollten weniger lehren als vielmehr Zahlen eintrichtern. Wenn wir aber einmal einen Ersatzlehrer hatten, der uns Geschichten aus der Geschichte erzählte, dann war ihm die Aufmerksamkeit sicher und unser Wissen bereichert. So ein Lehrer war Meinrad Pichler, später Direktor am Bregenzer Gymnasium Gallusstraße.

Meinrad Pichler aber war nicht nur Lehrer an der Schule, er wurde im Laufe der Zeit mit vielen Beiträgen zum geschätzten Lehrer einer historisch interessierten Öffentlichkeit im Land. Den Anfang machte er vor mehr als 35 Jahren als Herausgeber des Buches „Nachträge“, in dem erstmals Aufsätze von damals jungen Historikern zur neuesten Geschichte des Landes, also auch zum Austrofaschismus und zum Nationalsozialismus, gesammelt wurden. Zeitgeschichte und Geschichten von Einzelpersonen blieben Pichlers Thema. Deutlich wurde das 1993 mit dem Buch „Auswanderer in die USA“, in dem weit über 2000 Menschen namentlich und oft ausführlich erfaßt wurden, die zwischen 1800 und 1938 aus unserem Land in die USA zogen, meist aus finanzieller Not, oft auch wegen politischer Verfolgung. 2007 erschienen die „Quergänge“, in denen Meinrad Pichler die erstaunlichen Lebensgeschichten von 16 Menschen aus Vorarlberg aufarbeitete. So deutlich wie noch nie vorher wurden hier Geschichten zur Geschichte.

In jüngerer Zeit schrieb er Bücher, die jetzt schon zu Standardwerken gezählt werden müssen. 2012 war es „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, die erste umfassende Dokumentation zur Erfassung der NS-Diktatur, in der auf „Opfer, Täter und Gegner“ ausführlich eingegangen wurde. Drei Jahre später erschien der dritte Band der „Geschichte Vorarlbergs“ zur Zeit von 1861 bis 2015.

Und nun, zum 70. Geburstag, erhielt Meinrad Pichler von seinen Historikerfreunden Markus Barnay und Werner Dreier ein neues Buch als Geschenk. Die Herausgeber sammelten in „Menschen in Bewegung“ (Bertolini Verlag) sorgfältig 16 Aufsätze von Pichler, die in verschiedensten Publikationen erschienen sind. Auch hier wieder viel Geschichten zu Menschen, die besondere, oft nicht öffentlich gewordene Geschichte geschrieben haben. Eine Zusammenfassung, die zeigt, wie wenig Meinrad Pichler Jahreszahlen, wie viel ihm aber die Menschen in seiner Geschichtsforschung bedeuten. Ein spannendes Buch im Inhalt, ein schönes in der Optik.

„In jüngerer Zeit schrieb er Bücher, die jetzt schon zu Standardwerken gezählt werden müssen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.