Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Fast politischer Urlaub

Kultur / 07.06.2019 • 18:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Eigentlich finde ich es wunderbar: Wir hören nichts von irgendwelchen Grausligkeiten, die einem Minister oder einer Ministerin wieder eingefallen sind, wir sind verschont von Bösartigkeiten aus der Bundesregierung gegenüber Minderheiten und Migranten, wir müssen auch keine Angst haben, dass in den nächsten Monaten etwas passiert, das uns wieder auf die Straße treibt. Die Regierung aus Fachleuten mit einer Fachfrau an der Spitze bringt uns fast so etwas wie politischen Urlaub. Ganz ruhig können wir am Abend die Nachrichtensendungen sehen, ganz ruhig am Morgen die Zeitung lesen – es gibt keine Angst vor bösen Überraschungen. Ganz im Gegenteil. Besonders unsinnige Entscheidungen der letzten, der schwarz-blauen Regierung werden ohne großes Tam-Tam korrigiert oder repariert. Und so geht das politische Leben – zumindest in der Bundesregierung – ohne großen Wellenschlag vor sich hin. Und das haben wir uns, so glaube ich, nach eineinhalb Jahren Herbert Kickl und HC Strache im Verbund mit dem zu (fast) allem schweigenden Kanzler Sebastian Kurz, schlicht und einfach verdient.

Daran ändert auch nichts, dass die Parteien längst schon in den Startlöchern für den Wahlkampf zu den im Herbst stattfindenden Nationalratswahlen scharren. Dass dieser Wahlkampf, der uns sicher die in der Regierung eingekehrte Ruhe verderben wird, unlustig werden könnte, scheint klar. Zu heftig sind die Feindschaften zwischen einst Verbündeten, zwischen jenen, die noch vor Kurzem in scheinbar völliger Harmonie regierten und sich nun gegenseitig ans Leder gehen. Und irgendwann werden vielleicht auch noch die Sozialdemokraten aus ihrer Agonie erwachen und wieder ins politische Geschehen eingreifen. Spätestens dann, wenn sie sich klar werden, mit welcher oder welchem Vorsitzenden sie nun tatsächlich in die Wahl gehen wollen – vorausgesetzt, es ist dann nicht schon zu spät.

Nach diesem schönen, entspannten Regierungssommer wird uns nach der Wahl wieder der politische österreichische Alltag erreichen. Die Regierungsbildung könnte uns wieder alte, überholt geglaubte Koalitionen und damit auch wieder alten, überwunden geglaubten Ärger bescheren. Aber was soll‘s: Es macht keinen Sinn, sich im Urlaub schon auf den anschließend folgenden Arbeitsbeginn zu kränken. Man soll sich vielmehr des Urlaubs erfreuen, so lange er währt. Auch in der Politik. Vielleicht sogar besonders in der Politik, denn da ist der Urlaub seltener als in der Arbeit.

„Die Regierungsbildung könnte uns wieder alte, überholt geglaubte Koalitionen und damit auch wieder alten, überwunden geglaubten Ärger bescheren.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.