Gerald Matt

Kommentar

Gerald Matt

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut

08.08.2019 • 18:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Kunst und Künstler wollen kommunizieren und leben von Aufmerksamkeit. Im Kampf um das knappe und umkämpfte Aufmerksamkeitskapital, wie es der Philosoph Georg Franck formulierte, spielen Großausstellungen und Großveranstaltungen wie international orientierte Biennalen eine immer größere Rolle. Und so sprießen neben der 1886 gegründeten Biennale Venedig, der nach wie vor unbestrittenen Nummer eins, der „Grand Dame“ der Biennalen, weltweit inflationär Kunstbiennalen. So durfte auch Wien nicht fehlen, und das MAK ersann 2015 eine Biennale.
Deren dritte Auflage ist dieser Tage in Wien bis zum 6. 10. zu sehen und belegt, dass eine Etikette noch lange keinen Inhalt, geschweige denn eine Biennale macht. Denn was als Biennale daherkommt, ist nichts anderes als eine Addition von mehr oder weniger interessanten Wiener Ausstellungen, die mit dem MAK gemeinsam als Biennalepartner (Kunsthalle Wien, Architekturzentrum, Universität für Angewandte Kunst etc. ) auftreten. Doch nicht immer funktioniert das Kombüse Konzept, aus der Not eine Tugend zu machen, vor allem dann nicht, wenn man die Kunst mit einer Überdosis an Moral und „political correctness “ zu Tode würzt.

„Gegenseitiges Schulterklopfen ist garantiert, man ist ja unter sich. Und so verbleiben die künstlerischen Revolutionen in der geschützten Museumswerkstatt.“

Dies bestätigt, trotz einiger durchaus sehenswerter bzw. wohl besser lesenswerter Arbeiten, die dritte Ausgabe der „Vienna Biennale for Change, Schöne neue Werte“, die mangelnde internationale Präsenz wie so oft durch einen englischen Titel und englische Vermittlungstexte wettzumachen versucht . Bislang lässt sich die internationale Kunstszene jedenfalls nicht blicken, wozu auch. Dafür lässt man sich mit dem Anspruch an die Kunst nicht lumpen . Man will ja nichts weniger als die Welt retten. Da dürfen „Klimawandel, soziale Nachhaltigkeit und Digitalisierung“ natürlich nicht fehlen. Da wird mit „hysterical mining“ in der Kunsthalle feministisch die patriarchale Dominanz in der Technologie mit vor sich hinlaufenden Bohrmaschinen und Toastern aus Keramik angegangen, da werden im „innovation laboratory“ retro-sci-fi-Parcours zusammengebastelt, da wird die „ökosoziale digitale Moderne“ ausgerufen, im Keller kann man gar im Balancetanz mit einem Pantoffeltierchen das Meer vom Plastikmüll befreien. Mit großen Projektionen widmet man sich auch den geopolitischen Folgen künstlerischer Intelligenz.

Insgesamt pendeln viele der gezeigten Positionen jedoch zwischen brav und naiv, pseudotheoretisch und belehrend harmlos. Gegenseitiges Schulterklopfen ist garantiert, man ist ja unter sich. Und so verbleiben die künstlerischen Revolutionen in der geschützten Museumswerkstatt, wo sie angesichts ihrer Hermetik meist kuratorischer Beipackzettel bedürfen und vor allem Langeweile verströmen, aber sicher nicht die Welt bekehren. Wieder einmal zeigt sich, dass Frankreichs legendärer Kulturminister Andre Malraux – eines Sinnes mit Gottfried Benn, Karl Kraus und Berthold Brecht – recht hatte, als er sagte : „In der Kunst ist gut gemeint das Gegenteil von gut.“ Schade um nicht wenige spannende und hochkarätige künstlerische Projekte, auf die der übergroß erigierte kuratorisch-moralische Zeigefinger die Sicht verdeckt .

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.