Eine weitläufige Fotostrecke

Kultur / 28.09.2019 • 19:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Katharina Back-Lentsch (rechts) mit ihren Töchtern und Schwiegersöhnen im neuen Fotostudio Bregenz um 1890. DR. BEATO BARNAY, SCHWARZACH

Die Lichtbildpionierin Katharina Back, geb. Lentsch (1827–1893).

Nach einer langen, außergewöhnlichen und strapaziösen Lebensreise war Katharina Back-Lentsch im Herbst 1885 in Bregenz, ihrer letzten Station, angekommen, und hier verbrachte sie nach eigener Aussage „die schönsten Jahre ihres Lebens“. Zusammen mit ihrer Tochter Ida und ihrem Schwiegersohn Wilhelm Lau hatte sie sich von und neben dem Baumeister Romedius Wacker in der Bregenzer Römerstraße ein Haus mit Fotoatelier errichten lassen. Für Bregenz hatte sich die Fotografenfamilie entschieden, weil es die aufstrebendste Stadt am Bodensee war. Hier boomten nach dem Bau der Arlbergbahn Industrie und Tourismus. Zwischen 1870 und 1910 verdreifachte sich die Bevölkerung von Bregenz. Neben Arbeitskräften aus dem übrigen Vorarlberg und allen Teilen der Monarchie waren es hauptsächlich Gewerbetreibende aus dem süddeutschen Raum, die sich als Bäcker, Metzger oder Wirte in Bregenz niederließen. So auch die Familie Back aus Sigmaringen, die in Bregenz beste Chancen für ein Fotostudio sah. Frau Katharina Back war Jahrzehnte zuvor bereits als wandernde Fotografin einen Sommer lang in Bregenz gewesen und ihr Schwiegersohn, der aus Lindenberg stammte, hatte seine fotografische Ausbildung beim Bregenzer Lichtbildner Thaddäus Immler absolviert. Diese Erfahrungen erleichterten der Familie offensichtlich die Entscheidung, ihr Geschäft und Haus in Sigmaringen zu verkaufen und nach Bregenz zu übersiedeln. Verantwortlich für den Umzug war aber auch die zupackende und zukunftsorientierte Art der Katharina Back, die in ihrem Leben riskante Neuanfänge nie gescheut hatte.

Geboren wurde sie am 27. Mai 1827 auf einem Bauernhof in Hochasten, einem hochgelegenen Weiler der Gemeinde Wenns im Tiroler Pitztal, als fünftes von 14 Kindern der Familie Lentsch. Der Vater starb früh, und so mussten die Kinder bald in fremde Dienste, um die Hypothek, die das elterlichen Anwesen belastete, abzahlen zu helfen.

Katharinas jüngere Schwester Barbara Lentsch arbeitete 1850 als Dienstmagd in einem Innsbrucker Gasthaus, in dem sich ein Fotograf einquartiert hatte. Sie war nicht nur von seiner Kunst, sondern auch davon fasziniert, wie leicht man damit Geld verdienen konnte. Der Fotograf verriet ihr, wo in Wien er sein Kunsthandwerk gelernt hatte. Darauf beschlossen Barbara und Katharina Lentsch mit wenig Geld, aber großen Hoffnungen nach Wien zu reisen, um Fotografinnen zu werden. Entschlossen tauschten sie ihre Gegenwart als Dienstboten gegen eine Zukunft mit selbstständiger Arbeit und gediegenem Einkommen. Als Köchinnen auf Flößen gelangten sie über Inn und Donau in die Kaiserstadt und erhielten hier tatsächlich eine Einschulung als Daguerreotypistinnen. Diese frühe Fototechnik produzierte zwar schon recht passable Bilder, die dabei entstehenden giftigen Dämpfe bildeten aber ein hohes Gesundheitsrisiko für die Fotografen. Zwei Lentsch-Schwestern, die sich wie nahezu alle Geschwister im Laufe der folgenden Jahre den beiden Pionierinnen als Hilfskräfte anschlossen, starben in jungem Alter; eine im fernen Bukarest, die andere im appenzellischen Heiden. Mit diesen weit auseinander liegenden geografischen Angaben ist der Aktionsradius der wandernden Fotografenfamilie noch keineswegs umfasst. Um der männlichen Konkurrenz und den Gewerbebehörden aus dem Weg zu gehen, mussten die Tiroler Schwestern über die Ränder der Habsburgermonarchie hinaus. Ihre Wanderungen führten sie bis ins osmanische Reich und nach Russland. In einem Schubkarren führten sie ihre Ausrüstung mit sich, fotografiert wurde in Gasthäusern oder Klosterhöfen. In der Regel waren jeweils zwei Schwestern miteinander unterwegs. Katharina war von allen die Mutigste und um die anderen Geschwister besorgt. Sie pflegte die kranken Familienmitglieder, selbst wenn sie dafür mühsame Reisen auf sich nehmen musste, und erschloss die neuen Märkte.

Fotografin auf der Durchreise (1862).

Eine Niederlassung in einem gewerblichen Beruf war damals für Frauen nicht möglich. Deshalb mussten die fotografierenden Frauen stets auf der Hut vor Verfolgung durch die Behörden und die ortsansässigen Fotografen sein. Nur Anton Lentsch, der einzige fotografierende Bruder, konnte sich in Salzburg als angesehener Fotograf etablieren. Für Frauen, die einem Gewerbe nachgehen wollten, gab es damals nur zwei Möglichkeiten: Sie konnten einen als weiblich geltenden Handel führen (Wäsche, Haushaltsartikel) oder Agenturen für Dienstbotenvermittlung; andernfalls aber mussten sie heiraten. Barbara Lentsch tat Ersteres, indem sie in Innsbruck im Hause des Grafen von Trapp einen Geschirrladen eröffnete; Katharina dagegen wählte die zweite Variante. In Schaffhausen lernte sie den aus Sigmaringen stammenden Schuhmacher Ferdinand Back kennen, den sie heiratete und zum Fotografen ausbildete. Nach gut zehnjähriger berufsbedingter Wanderschaft stand nun ein geordnetes Berufs- und Familienleben in Aussicht. In Sigmaringen eröffneten die beiden nun ein Fotoatelier, und Katharina Back schenkte in den folgenden Jahren drei Kindern das Leben.

Nach einigen guten Jahren zeigte sich aber immer deutlicher, dass der zum Fotografen umgeschulte Schuster sich lieber in Gasthäusern als im eigenen Atelier aufhielt. Geschäft und Familie hingen zunehmend an der starken Tiroler Frau. Auch die Kinder mussten früh anpacken. Zur Entlastung im Gewerbe setzte Katharina Back früh auf die älteste Tochter Ida. Sie wurde bei einem verwandten Maler in Düsseldorf in der Malerei ausgebildet und beim Onkel in Salzburg mit neuen Verfahrensweisen in der Fototechnik vertraut gemacht.

Im Frühjahr 1885 verstarb der vom Alkoholkonsum gezeichnete Ferdinand Back. Die Familienmitglieder empfanden sein Hinscheiden mehr als Befreiung denn als Verlust. Nun waren Mutter und Tochter frei für neue Planungen. Und noch einmal war es die tüchtige und entscheidungsfreudige Mutter, die zur Umsiedlung nach Bregenz riet. Hier aber trat sie ganz ins zweite Glied zurück, überließ der Tochter und dem Schwiegersohn Wilhelm Lau das Geschäft, das auf dessen Namen als neue Firma angemeldet wurde und in dem auch die ledigen Schwestern von Ida Lau mitarbeiteten. Das Unternehmen florierte von Beginn an prächtig.

Das Bregenzer Glück war aber nicht von langer Dauer. Ab 1890 zeigte sich bei Katharina Back eine schwere Krebserkrankung, welcher ihre robuste Natur zur Verwunderung der Ärzte noch drei leidvolle Jahre widerstand. Das Gift der frühen Berufsjahre zeigte nun auch bei ihr späte Wirkung. 1892 musste sie auch noch den frühen Tod ihres Schwiegersohns miterleben. Dass ihre Tochter mit Carl Risch wieder einen Fotografen als Ehemann fand, mit dem sie das Geschäft unter dem Namen „Foto Risch-Lau“ weiterführte, erlebte Katharina Back nicht mehr. Am 23. Februar 1893 verstarb sie im Kreis ihrer Töchter.

Am Tag ihres Todes wurde im Bregenzer Theater das Lustspiel „Die Orientreise“ aufgeführt. Katharina Lentsch-Back hätte von weniger lustigen Reisen in den Orient berichten können, aber von durchgestandenen beruflichen Wanderjahren, die von Mühsalen und Gefahren begleitet waren. Trotzdem würzte sie ihre Erzählungen stets mit humorvollen Anekdoten zu Erlebnissen an einzelnen Schauplätzen in unterschiedlichsten Landstrichen Europas. Die erwanderten Fotostrecken zeugen von großem Mut, außergewöhnlichem Unternehmungsgeist, praktischem Mutterwitz und körperlicher Robustheit. Und auch von berglerischem Selbstbewusstsein und gezieltem Marketing: Katharina Back unternahm all ihre weitläufigen Reisen in Tiroler Tracht.

Die in dieser Reihe vorgestellten Biografien beschäftigen sich nicht nur mit individuellen Lebensläufen. Vielmehr geht es um Menschen in und aus Vorarlberg, an deren Schicksalen sich die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen, die sozialen Verhältnisse und die kulturellen Gegebenheiten besonders sichtbar spiegeln. Alle beschriebenen Personen haben entweder aktiv und auf unterschiedlichste Art in die Verhältnisse gestaltend eingegriffen oder sind mehr oder weniger Opfer derselben geworden. Alle haben Spuren hinterlassen, auf denen wir Nachgeborene auf die eine oder andere Weise weitergehen. So scheint es nur angemessen, sich ihrer Leistungen und Kämpfe zu erinnern. Meinrad Pichler, Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.