Ausstellung führt ins textile Wunderland

Kultur / 19.11.2019 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ausstellung „Textile Techniken“ in der Galerie Hollenstein in Lustenau. GALERIE/KUZMANOVIC

Stoffen, die mehr können als nur Kleidung zu sein, ist in der Galerie Hollenstein zu begegnen.

LUSTENAU Textilien sind uns am nächsten, umgeben uns besonders als Kleidung ständig. Was aber, wenn warm, angezogen und schön nicht genug ist? Wenn sich ein Posaunist ein Kostüm wünscht, dessen Beleuchtung über seine Atmung gesteuert wird oder ein Programmierer an einem Datenhandschuh tüftelt, der kleinste Bewegungen seiner Finger registriert? Neue Funktionen braucht das Kleid, hat sich das österreichisch-japanische Künstlerinnenduo Kobakant gesagt und im Rahmen eine Projekts ein Jahr lang eine „Schneiderei für elektronische Textilien“ in Berlin betrieben. Kobakant ist eine von vier internationalen Positionen, die derzeit in der Galerie Hollenstein in Lustenau innovative Textilien mit smarten Gadgets vorstellen.

Aus für Technikmuffel

Die Ausstellung „Textile Techniken“ ist nach „Bezugsstoffe“ bereits die zweite Ausstellung mit textilem Schwerpunkt in der Lustenauer Galerie. Die Schau verweist einerseits auf den Ausstellungsort, an dem lange Zeit Stickereizentrum und -museum beheimatet waren, und die Tradition der Textilindustrie. Andererseits eröffnet sie ein Spannungsfeld, in dem Handwerk und digitale Technologien sowie Experten der verschiedenen Branchen in regen Austausch treten. Artistic Research, künstlerische Forschung, heißt das Arbeitsfeld, in dem Kunstschaffende mit wissenschaftlichen Theorien und Methoden agieren. Hinter den einzelnen Positionen und Arbeiten der Ausstellung verbirgt sich zwar viel Theorie und noch mehr Elektronik, aber es ist alles auch für Technikmuffel gut aufbereitet, man kann sich Visionen hingeben und erfreulicherweise einige der ausgestellten Prototypen ausprobieren. Spielerisch geht es im Foyer los mit vier interaktiven Objekten der Vorarlberger Künstler Selina Reiterer (textiles Design) und Oliver Maklott (Programmierung). Dabei wird eine über den Instant-Messaging-Dienst Telegram geschickte Sprachnachricht über das Objekt, über Berührung, Wischgesten, Drehen oder Drücken, modifiziert. Die Oberflächen von „Four6″sind flauschig, bestickt oder mit kleinen Quasten versehen und verbinden direktes, taktiles Erleben mit der digitalen Welt. Auch bei Hanna Perner-Wilson und Mika Satomi, zusammen Kobakant, bleibt der Körper das Mittel der Wahl um die Funktionen der in ihrer Schneiderei maßgefertigten elektronischen Textilien auszutesten und zu optimieren. In sympathischen Porträts stellen sie ihre Kunden samt Auftrag vor und präsentieren die Vielfalt von Muster und Proben auf dem Weg zur Produktentwicklung.

Einbrecheralarm

Auf historischen Grundlagen, wie den Zeichnungen aus der Enzyklopädie von Diderot von 1751 basiert das Werk von Irene Posch. Die österreichische Forscherin, Künstlerin und Informatikerin hinterfragt am Beispiel filigraner Goldstickerei die Gültigkeit traditioneller Textiltechniken. Leitende Materialien setzt sie bei einem Vorhang ein, der ein Patent von 1892 neuinterpretiert und beim Öffnen akustische Signale von sich gibt. Vom Amerikaner Alfred Stromberg damals als Einbrecheralarm propagiert, ist der Vorhang von Posch in Zusammenarbeit mit Getzner Textil in Bludenz entstanden. In ihrer Installation von Vorhang-ähnlichen Teilen erforscht EJTECH, das multidisziplinäre Studio aus Judit Eszter Kàrpàti/HU und Esteban de la Torre/MX, über leitfähige Muster die Klangfarbe von Textilien. Der Sound kommt nicht aus Lautsprechern, sondern aus dem Stoff selbst. Auch hier kann der Besucher selbst Hand anlegen und mit der Maschine interagieren. Bleibt die Frage, wie weit man das an sich heranlassen soll und wozu wir intelligente Textilien nutzen wollen. Eine Frage, die die Kobakant-Künstlerinnen offensichtlich auch schon beschäftigt hat: „What can e-textiles do for you?“ steht in einem Bilderrahmen in ihrer Installation. Ariane Grabher

Die Ausstellung ist in der Galerie Hollenstein – Kunstraum und Sammlung, Pontenstraße 20, Lustenau, bis 15. Dezember geöffnet, Fr, Sa, Sonn- und Feiertag 15 bis 19 Uhr.