Ein Recht, das erkämpft werden musste

Kultur / 26.11.2019 • 22:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die umfangreiche Ausstelltung spannt einen Bogen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Frauen auf die Straße gingen, bis in die Gegenwart. MUSEUM

Das Frauenmuseum in Hittisau widmet sich dem Frauenstimmrecht in Österreich sowie dem Kampf um Gleichberechtigung.

Christa Dietrich

Hittisau Wer als Mann Sexdienste gegen Geld forderte, war zu politischen Wahlen zugelassen, wer als Frau solche Dienste ausführte, was vor Jahrzehnten aufgrund einer Bildungspolitik, die Mädchen benachteiligte, wohl noch öfter gezwungenermaßen erfolgte als heute, durfte nicht zur Wahl. Das „vornehmste aller Rechte“, wie der deutschnationale Politiker Albert von Mühlwerth das Wahlrecht nannte, wurde Männern nur verwehrt, wenn ihnen die Erziehungsgewalt über ihre Kinder entzogen worden war. Dazu gehörte aber ziemlich viel. Wenn wir heute davon sprechen, dass Ende 1918 in Österreich das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, so stimmt das nur bedingt. Als Frauen nach langem Kampf im Jahr 1919 endlich wirklich an politischen Wahlen teilnehmen durften, erfolgte die Stimmabgabe mit farblich gekennzeichneten Kuverts.

Dem Frauenwahlrecht hat das Frauenmuseum in Hittisau die neue Ausstellung gewidmet. Kuratiert von Remigio Gazzari, Veronika Helfert, Corinna Oesch und Johanna Zechner wurde das Projekt mit dem von einem Spruch von Karl Kraus abgeleiteten Titel „Sie meinen es politisch“ vor einigen Monaten im Volkskundemuseum in Wien gezeigt. In Vorarlberg hat die Thematik, die nicht nur die Wahl, sondern auch die geringe Anzahl der Frauen in politischen Gremien sowie den generellen, noch nicht positiv erledigten Kampf um Gleichbehandlung und gleichen Lohn betrifft, besondere Relevanz. Frauen in politischen Ämtern sind auch hier eine Minderheit und unweit der Grenze, in Liechtenstein und im Schweizer Kanton Appenzell-Innerrhoden, dauerte es bis zum Jahr 1984 bzw. 1990 bis Frauen stimmberechtigt waren. Die Eidgenossen erwiesen sich als besonders hartnäckig im Bestreben, Frauen keine Bürgerrechte einzuräumen und im Fürstentum sprach man sich noch bis vor zwanzig Jahren im Grunde gegen eine Gleichstellung von Mann und Frau aus. Selbstverständlich war auch in Österreich nichts. Die Häme war groß, zu Beginn des 20. Jahrhunderts mussten Frauen ihre Zusammenkünfte als unpolitisch tarnen und als sich nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr an den Herd oder ausschließlich in dienende Posititionen und miserabel bezahlte Arbeitsplätze zurückzubeordern waren, befürchteten vor allem konservative Parteien um Stimmenverluste.

Starke Geschichten

Nicht zu Unrecht, wie die 1970er-Jahre zeigen, in denen es zu weitreichenden Änderungen im Eherecht kam. Die Ausstellung ist mit Dokumenten und Hörstationen inhaltlich umfangreich und erzählt etwa anhand von Biografien starke Geschichten. Exemplarisch sei jene von Olga Rudel-Zeynek erwähnt, die sich für ein Gesetz zur Unterhaltszahlung an alleinerziehende Frauen einsetzte. Dass die erste Bürgermeisterin Maria Rothschädl war, ist bezeichnend für die Verdrängung nach der Zeit des Nationalsozialismus. Sie übernahm das Amt in Oberhaag in der Steiermark von Juli bis August 1946, weil ihr Vater Josef Rothschädl als Nationalsozialist für kurze Zeit zurücktreten musste. Danach blieb wieder alles beim Alten. Rosa Jochmann wurde als Sozialdemokratin wegen ihres Widerstands gegen den austrofaschistischen Ständestaat inhaftiert und in der Zeit des Nationalsozialismus in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Von 1945 bis 1967 wurde sie in den Nationalrat gewählt, sie war im Parteivorstand und Bundesfrauenvorsitzende der SPÖ und als Zeitzeugin tätig. Auch ein Tagebuch ist aufschlussreich: Bernhardine Alma war Katholikin mit einem Vater jüdischer Herkunft. Sie notierte, wie nachzulesen, in ihrem Tagebuch auch ihre Beichtgespräche, aus denen hervorgeht, dass Kardinal Theodor Innitzer ihr geraten hatte, bei der Abstimmung über den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland mit Ja zu stimmen, was sie im Tagebuch am 10. April 1938 so kommentierte: „Marerl und ich stimmten selbstverständlich mit ,nein‘“.

Die Ausstellung ist bis Mai 2020 im Frauenmuseum in Hittisau zu sehen.