Spannendes Theaterstück für Jugendliche und Erwachsene

Kultur / 02.12.2019 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit „Spurlos“ hat das Theater der Figur ein anregendes Stück für Menschen ab zwölf Jahren realisiert.  TdF
Mit „Spurlos“ hat das Theater der Figur ein anregendes Stück für Menschen ab zwölf Jahren realisiert.  TdF

Das Theater der Figur präsentiert sein neues Stück „Spurlos“.

Christa Dietrich

Dornbirn, Nenzing Gasthaussprüche mögen humorvoll sein, mitunter sind sie auch bezeichnend: „Heute betreutes Trinken“ steht auf dem Schild, das den Tresen jenes Pubs ziert, in dem der Kommissar der örtlichen Polizei seine Abende verbringt und hie und da eine der Kellnerinnen abschleppt. Als Akt gegen die Einsamkeit, denn Betreuung im eigentlichen Sinn ist zur Nebensächlichkeit geworden. Sollte den Menschen die Bedeutung von Zuwendung einmal klar gewesen sein, so haben sie sie verdrängt. Angesichts der Mühen des Alltags kann man ihnen das auch nicht vorwerfen, aber man kann es ihnen wieder bewusst machen.

Und das tut die walisische Autorin Sera Moore Williams mit „Spurlos“, einem Stück, das nicht nur so gebaut ist, dass der Einblick in die (natürlich fiktive) Lebenssituation der jeweiligen Darsteller dem Thema weitere Relevanz verleiht, sondern zwei Generationen ins Zentrum rückt. Und zwar derart spannend, dass „Spurlos“ in der Tat als Jugendstück ab 12 Jahren angeboten werden kann, während die Eltern oder jene, die die Gesellschaft gestaltet haben, in der der junge Evan nicht zurechtkommt, nicht nur mit ihren Fehlern skizziert werden, sondern auch mit ihren Nöten. Das gelingt der Autorin gleichermaßen mit Mitgefühl und ohne Klischees zu bedienen.

Thriller mit subtiler Botschaft

Aus dem angelsächsischen Repertoire hat das in Nenzing ansässige Theater der Figur schon so manches Brauchbare gefischt. Das zeigt sich nun auch bei der neuen Produktion, die von Sabine Wöllgens inszeniert wurde. Auf der einfachen Wohnzimmer-Pub-Bühne von Johannes Rausch werden nicht nur die Möbel mit Schildern versehen, sondern auch die von Evelyn Fricker zielgerichtet eingekleideten Personen. Während die Mutter ermattet in die Couch vor dem Fernseher sinkt und der Polizist den nächsten Drink ordert, fügt der Sohn die Begriffe Liebe, Glück oder Fürsorge den Schildern hinzu. Eines Tages ist Evan dann verschwunden. Die Suche nach dem Vierzehnjährigen bleibt ergebnislos bis nach ein paar Jahren ein junger Mann auftaucht, der behauptet, der verlorene Sohn zu sein. Er wurde angeblich zwischenzeitlich eingesperrt, ist Opfer von Pädophilen geworden. Der Thriller, zu dem sich die Geschichte zunehmend entwickelt, enthält ein paar überraschende Wendungen und einige subtil eingebaute Botschaften. Dass die Darsteller immer wieder als Privatpersonen auf der Bühne stehen, also preisgeben, dass man wirklich einsam ist, dass zu Hause ein kleines Kind auf die schauspielende Mutter wartet und dass der junge Mann gerade ein familiäres Drama erlebt, erhält durch das unprätentiöse Spiel von Birgit Unger und Steffen Essigbeck, die man von früheren Produktionen des Theaters der Figur gut in Erinnerung hat, leise Authentizität. Robert Kahr, seit Jahrzehnten eine ruhige, aber immer wieder wichtige Stimme in der Vorarlberger Theaterszene, läuft als Polizist zur Hochform auf.

Sabine Wöllgens hat in kleinen Momenten – etwa mit einem eingespielten Oberländer Dialekt, der den rohen Umgang in einer Jugendclique hörbar macht – einiges eingebaut, das diesen an sich spektakulären Kriminalfall plausibel in der Gegenwart verankert. „Spurlos“ ist ein kraftvolles Stück, das niemanden kaltlässt, aber gewiss nicht verstört, sondern zur Auseinandersetzung anregt.

Aufführungen im Tik in Dornbirn am 3. und 4. Dezember um 10 Uhr, ab 10. Dezember vormittags und abends im Feldkircher Saumarkt, www.theater-der-figur.at