Bei Arvo Pärt Feuer gefangen

Kultur / 30.01.2020 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die von der Schubertiade bekannte deutsche Geigerin Carolin Widmann ist eine Klasse für sich, die sich mit allen Fasern ihrer hochmusikalischen Persönlichkeit in das Abenteuer stürzt. JU

Bei Dornbirn Klassik entdeckt das Publikum immer mehr lohnende musikalische Fundstücke.

DORNBIRN Die Arbeit von Kulturamtsleiter Roland Jörg als Kurator seiner Konzertreihe „Dornbirn Klassik“ ist nicht hoch genug einzuschätzen. Nun ist es ihm beim jüngsten Konzert am Mittwoch doch glatt gelungen, aus einem vom Publikum zunächst misstrauisch beäugten Konzertprogramm mit durchwegs unbekannten Werken einen Erfolg zu generieren, mit dem letztlich alle hochzufrieden sind, wenn man es am begeisterten Schlussbeifall misst.

Die Abkehr vom Erwartbaren oder stets Gleichen, dem man bei manchen Konzertprogrammen im Land begegnet, führt auch diesmal bis herauf zur Neuen Musik, bei der das Publikum aber Feuer fängt. Dabei hatte man sich diesmal des offenbar unerschöpflichen musikalischen Talente-Pools des Baltikums besonnen und mit dem estnischen Tallinn Chamber Orchestra einen Volltreffer gelandet. Die schlank besetzte, gerade 19 Streicher umfassende Truppe erweist sich mit ihrem Chef Risto Joost als höchst motiviertes, wunderbar aufeinander hörendes Ensemble von straffer Präzision, großer Klangschönheit und höchst differenziertem Umgang mit verschiedenen Musikstilen, die den Abend recht kurzweilig werden lassen. Die geistige Klammer bildet dabei das Grenzgängertum der drei aufgeführten Komponisten zwischen Erfolg und Scheitern ihrer Werke.

Die Talliner machen gleich zu Beginn das, was sie am besten können, nämlich als ausgewiesenes Spezialensemble Musik des 85-jährigen, weltweit verehrten Gurus der Neuen Einfachheit zu spielen, ihres Landsmannes Arvo Pärt. Er hat damit die Neue Musik entscheidend revolutioniert, und das ist kein Wunder, wenn man sich am Beginn in seinen zehnstimmigen „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ (1977) fallen lässt, äußerlich ein ständiges Kreisen scheinbar gleichbleibender Motive, im Innern dagegen ein sich in Dauer und Intervallen stets verändernder, fahler Kosmos, der aus der Stille kommt und wieder dorthin zurückkehrt. Ein dichter, meditativer Eindruck auch für die mucksmäuschenstill gebannten Zuhörer, der sich beim berühmtesten Stück Pärts nicht mehr in dieser Kompaktheit wiederholt. Denn da wird von den vielen Versionen, die es von „Fratres“ (1977) gibt, dem Streichorchester eine Solovioline beigesellt, die sich jedoch mit ihren wild auffahrenden Einschüben letztlich eher als Störenfried denn als sinnvolle Ergänzung erweist, weil sie den Grundpuls der fast stillstehenden Zeit aus der Transzendenz immer wieder in die brutale Realität zurückholt. Ungeachtet dessen ist die auch von der Schubertiade bekannte deutsche Geigerin Carolin Widmann natürlich eine Klasse für sich, die sich mit allen Fasern ihrer hochmusikalischen Persönlichkeit in dieses Abenteuer stürzt.

Geigerin im Ausnahmeformat

In der Bewältigung eines „normalen“, romantischen Violinkonzertes von Mendelssohn hat man sie davor gehört, auch hier in ihrer Ausdrucksvielfalt eine Geigerin von Ausnahmeformat. Das ist nicht jenes Hitparaden-Werk in e-Moll, das man vielleicht sogar hätte mitsummen können, sondern eines aus einer Reihe des 13-Jährigen, mit zum Teil noch etwas suchender jugendlicher Naivität, die sich im finalen Rondo zu brillanter Violinakrobatik aufschwingt. Bleibt am Schluss noch Musik des vergessenen Österreichers Erich Wolfgang Korngold, dessen „Symphonische Serenade“ von 1947 die Musiker viel von der morbiden Endzeitstimmung seiner Erfolgsoper „Die tote Stadt“ mit auf den Weg geben. Ihre kabarettistische Einlage mit „Yellow Medium“ („Klatschpresse“) als zweite Zugabe überzeugt dann auch die letzten Zweifler. Fritz Jurmann

Nächstes Konzert Dornbirn Klassik: 12. März, 19.30 Uhr, Kulturhaus – Camerata Salzburg, Leitung Gregory Ahss, Solist Felix Klieser, Horn (Mozart, Haydn)