„Was hilft, sind Zugeständnisse“, sagt der Musiker Bernhard Lampert

Kultur / 19.03.2020 • 22:00 Uhr
„Wir sind die Umlaufpumpe, die den Geldfluss antreibt“: Bernhard Lampert und Herbert Walser-Breuss. <span class="copyright">JU</span>
„Wir sind die Umlaufpumpe, die den Geldfluss antreibt“: Bernhard Lampert und Herbert Walser-Breuss. JU

Die Situation nach der Absage des Saisonstarts und der heutige Umgang mit Beethoven.

GÖTZIS Eben haben sie uns mit Teilen aus Monteverdis 400 Jahre alter Oper „L’Orfeo“ beim Finale der Montforter Zwischentöne begeistert, die hochklassigen Musiker des heimischen Barockorchesters Concerto Stella Matutina. Und dabei bewiesen, dass die CSM genannte Truppe längst zur Marke unter internationalen Barockensembles geworden ist. Der Opus-Klassik-Preis ist nur eine von mehreren Anerkennungen. Und nun das: Da ist der für Freitag geplante Saisonstart des eigenen Abo-Zyklus, mit dem das Ensemble seit 2008 der Barockmusik in Vorarlberg eine begeistert aufgenommene Heimat gegeben hat, den Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus zum Opfer gefallen. Für den Trompeter Bernhard Lampert als Gründer und Geschäftsführer ist das ebenso wie für das Publikum ein harter Schlag, der eine Reihe von Fragen und Konsequenzen aufwirft.

Als Veranstalter sind Sie erstmals mit einer solchen Situation konfrontiert, wie gehen Sie damit um?

Wir versuchen den Schaden zu begrenzen und für die entfallenen Konzerte wenigstens Ersatztermine zu organisieren. Ansonsten müssen wir uns wie alle anderen auch in Geduld üben und hoffen, dass dieser Zustand nicht allzu lange anhält. Glücklicherweise konnten wir in guter Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Kulturbühne AmBach das erste Abo auf 4. Oktober 2020 verschieben. Für die Musiker von CSM, vor allem diejenigen, die zu hundert Prozent freischaffend arbeiten, ist dies jedoch nur ein schwacher Trost. Sie brauchen jetzt Geld und müssen jetzt ums Überleben kämpfen.

Kann man die für Sie entstandene Schadenshöhe beziffern?

Für viele Musiker von CSM, vor allem jene, die als selbstständige Einzelunternehmer freiberuflich tätig sind, ist die Schadenshöhe dieser Krise immens und kann existenzbedrohend werden, wenn sie länger anhält. Sie leben von Projekten, die nun alle abgesagt wurden. Für das Ensemble als Verein hält sich der Schaden noch in Grenzen, da wir keine Musiker für Konzerte auszahlen müssen, die wegen dieser Verordnung nicht stattfinden. Das könnten wir auch nicht, denn wir kalkulieren mit Eintrittsgeldern. Aber die mögliche Absage aller Veranstaltungen bedeutet für uns einen hundertprozentigen Ausfall der Einnahmen. Durch die Verschiebung des ersten Abo-Konzerts können wir nun auf jeden Fall alle fünf Konzerte anbieten, für die unsere Abonnenten schon bezahlt haben. So hoffen wir, dass der Großteil von ihnen auch am Ersatztermin Zeit hat. Ansonsten bekommen sie natürlich das Eintrittsgeld zurück. Subventionen sind normalerweise an die Durchführung von Konzerten gekoppelt. Was da nun weiter geschieht, sollten noch weitere Konzerte ins Wasser fallen, können wir noch nicht einschätzen.

Fühlen Sie sich von der Kulturpolitik entsprechend aufgefangen?

Es wird sich alles noch herausstellen, inwieweit sich die Kulturpolitik für uns stark macht. Dafür, wie sehr Österreich mit seiner Kultur wirbt, ist die Unterstützung gerade für die Kleinen eher bescheiden. Da zeigt uns z. B. Frankreich, was in der Kulturförderung möglich wäre, auch was die soziale Absicherung und Vertretung der Kunstschaffenden betrifft. Die ist in Österreich nur rudimentär vorhanden.

Die neue Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek hat angedeutet, dass unter Umständen ein Teil der entstandenen Kosten durch den Bund refundiert werden könnte.

Andeutungen sind da aber leider zu wenig. Was den Musikern wirklich weiterhilft, sind klare Zugeständnisse. Es geht um die Existenz all unserer freiberuflichen Musiker. Sie sind die tragenden Säulen aller Festivals und vieler Kulturbetriebe. Es ist wahrscheinlich allen klar, dass viele Menschen und Unternehmer finanzielle Verluste hinnehmen müssen. Doch den Kulturbetrieb trifft es besonders hart, da kaum Reserven vorhanden sind, um solche Ausfälle abzufedern. Wenn nun keine Konzerte mehr stattfinden, dann fließt auch kein Geld und die Musiker können nicht bezahlt werden. Wir Musiker sind da leider die letzten in der Nahrungskette. Aber eigentlich sind wir auch die Umlaufpumpe, die den Geldfluss antreibt. Nun steht alles still. Das Geld wäre vorhanden: bei den Subventionsstellen, die schon bewilligt hatten, beim Konzertbesucher, der schon ein Abo gekauft hat. Man sieht nun, wie schnell alles ins Stocken gerät, wenn es keine Kulturveranstaltungen mehr gibt.

Haben Sie auch schon daran gedacht, als Ersatz Video-Produktionen Ihrer Konzerte online anzubieten?

Einerseits hat sich das mit dem aktuellen Versammlungsverbot erledigt, andererseits kann man damit aber auch keine Musiker bezahlen. Die großen Häuser haben meist fix angestellte Orchester und Ensembles und können sich das (noch) leisten. Solange niemand bereit wäre, für so einen Videostream zu bezahlen, wäre das nicht finanzierbar. Professionelle Musiker leben von ihrem Beruf, das ist kein Hobby.

Geplant war, dass Sie mit dem Violinkonzert und der „Eroica“ von Beethoven mit barocken Elementen einen fachlich spannenden Einstand ins Jubiläumsjahr vorgeben.

Um genau zu sein: Wir wollen Beethoven keinesfalls ein „barockes“ Gewand überstülpen! Als Klangkörper, der sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben hat, versuchen wir mit bestem Wissen und Gewissen, über die Musizierpraktiken der jeweiligen Zeit die Komponisten und deren Werke zu verstehen und dem Publikum zu vermitteln. Dabei hinterfragen wir bewusst alle möglichen Traditionen, die sich in die Spielpraxis eingeschlichen haben. Das der jeweiligen Zeit entsprechende Instrumentarium hilft uns bei der Suche nach dem Originalklang dabei enorm. Im Falle Beethovens verwenden wir klassisch-romantische Instrumente, wie sie auch bei der Uraufführung zum Einsatz kamen.

Inwieweit haben die Grundsätze der authentischen Spielpraxis, wie sie Nikolaus Harnoncourt aufgestellt hat, heute für CSM überhaupt noch Gültigkeit?

Nikolaus Harnoncourt wird oft auf die Frage des historischen Instrumentariums reduziert. Gerade sein Beethovenzyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit diesem modernen Kammerorchester sind bezeichnend für seine impulsgebende, inspirierende, aber natürlich wohl „informierte“ Herangehensweise abseits des historischen Instrumentariums. Ich kann nur empfehlen, einen Blick auf die Website dieses Orchesters zu werfen, um eine Idee der Wertschätzung zu bekommen, die Harnoncourt bei dieser Formation erfahren hat und immer noch erfährt. Da wird man vergeblich nach einem strengen Dogmatiker suchen. Viel eher stößt man auf den unermüdlichen, universell gebildeten, fantasiebegabten Pionier, der es versteht, jede noch so „unwichtige“ Note mit Bedeutung zu erfüllen.

Was konnten Sie von Harnoncourts Grundsätzen für Ihre praktische Arbeit übernehmen?

Das ist z. B. eine Musizierhaltung, die den Repertoirebegriff infrage stellt. Es gibt nur „Neueinstudierungen“, egal, wie oft das betreffende Werk bereits gespielt wurde, und ein Bekenntnis jedes einzelnen Musikers zum spieltechnischen Risiko auf „fragilen“ Instrumenten. Eine intensive, fantasievolle Auseinandersetzung mit den „Quellen“, für Harnoncourt unerlässliche Voraussetzung für jedes Projekt, hat auch für das CSM höchste Priorität. JU

Zur person

Geboren 2. Mai 1975 in Feldkirch

Ausbildung Landeskonservatorium Feldkirch, Musikhochschule Luzern

Tätigkeit Seit 1994 Lehrer für Trompete an der Musikschule Lustenau; Mitglied im Symphonieorchester Vorarlberg und im Sinfonieorchester Liechtenstein; 2005 Gründung des Concerto Stella Matutina sowie Verpflichtungen bei internationalen Barockformationen

Familie verheiratet, zwei Kinder

Nach derzeitigem Stand: 8. Mai, Kulturbühne AmBach, Götzis, Solisten u.a. Miriam Feuersinger, Sopran, Leitung und Oboe: Alfredo Bernardini (Kantaten von J. S. Bach)