Neues, herausforderndes Stück von Peter Handke

Kultur / 03.08.2020 • 14:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hanns Zischler, Luisa-Céline Gaffron, Christian Friedel und Sophie Semin in „Zdeněk Adamec“ von Peter Handke. <span class="copyright">APA</span>
Hanns Zischler, Luisa-Céline Gaffron, Christian Friedel und Sophie Semin in „Zdeněk Adamec“ von Peter Handke. APA

„Zdenek Adaměc“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.

Salzburg Am Morgen des 6. März 2003 geht Zdeněk Adamec zum Wenzelsplatz in Prag, übergießt sich mit Benzin und zündet sich an. Sanitäter bringen den jungen Mann, geboren 1984 in Humpolec, in ein Krankenhaus, doch in weniger als einer Stunde ist er tot. Medien und Politik bewerteten die Tat anders als jene von Jan Palach, der im Jänner 1969 mit seiner Selbstverbrennung gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte. Als Opfer des „sogenannten demokratischen Systems, in dem Geld und Macht statt die Menschen entscheiden“ bezeichnet sich Adamec in einem Brief. Nach mehreren vergleichbaren Taten junger Menschen spricht der kurz zuvor gewählte Präsident Václav Klaus von einer „unglücklichen Ausdrucksform“ eines gewissen Radikalismus, die zudem „unpassend und nutzlos“ sei.

Die Tat des Schülers findet in Peter Handkes Roman „Die Obstdiebin“ Erwähnung, als „eine Szene“ wird das Bühnenwerk „Zdeněk Adamec“ untertitelt, das die Salzburger Festspiele nun zur Uraufführung brachten. Es mag ein Vermächtnis sein („Und in der letzten Kurve hat er sich doch etwas Bestimmtes gewünscht“), es ist ein Text, der sich gegen die Einordnung der Selbstverbrennung auflehnt, mit Respekt verfasst und – logisch – mit dem Stift des Dichters.

Die Uraufführung von „Zdeněk Adamec“ endete mit viel Applaus für den anwesenden Schriftsteller Peter Handke. <span class="copyright">APA</span>
Die Uraufführung von „Zdeněk Adamec“ endete mit viel Applaus für den anwesenden Schriftsteller Peter Handke. APA

Schon vor einigen Wochen von Suhrkamp verlegt, bietet der 70-seitige Band die Möglichkeit, sich mit dem dichten Sprachgewebe, mit Lyrik, Melodie und Zitaten zu beschäftigen und, ja, auch zu vergnügen. Das Thema bzw. die Frage, wie die Welt denn auszuhalten sei, ist unerschöpflich, der kurze Text nimmt es auf, einfach so, hier und jetzt, der Ort ist unbestimmt, die Personen auch.

Ausgesaugte Energiefelder

Eine gute Voraussetzung für eine Inszenierung, würde doch Handke manches zulassen, während Regisseurin Friederike Heller den Bildern, die beim Lesen entstehen, nicht viel entgegenzusetzen hat. Zehn Leute sind auf der Bühne versammelt, sieben Schauspieler und drei Musiker, Rollen gibt es nicht, wer welche Aussagen übernimmt, überlässt der Autor dem Team. Fantastisch. Und doch herausfordernd. In der zweiten Stunde, nach dem jeder sein eigenes Energiefeld aufgebaut, aber auch ausgesaugt hat, ebbt die Spannung ab, da driften Sätze wie „Und wenn es keine Gesellschaft mehr gibt? Was dann?“ ins Banale ab. Und gar Esoterik statt Spiel weht herein, wenn André Kaczmarczyk den Clown mit fragenden Augen gibt. Unter Eva Löbau, Luisa-Céline Gaffron, Hanns Zischler, Sophie Semin, Nahuel Pérez Biscayart und Christian Friedel sind Pragmatismus, Koordinierendes, Poesie und Reflexion ausgeglichen verteilt, Bühnenbildnerin Sabine Kohlstedt gibt architektonische Strukturen vor, dass sie die Akteure hie und da zu einem Gebäude formen, wäre eine Aufgabe gewesen. Sie gelingt hier nicht.

Das Wiener Burgtheater hat „Zdeněk Adamec“ im kommenden Jahr in der Inszenierung von Frank Castorf im Programm. Das Bregenzer Theater Kosmos widmet sich demnächst Peter Handkes Erzählung „Wunschloses Unglück“ über das Leben und den Suizid seiner Mutter.  

„Zdeněk Adamec“ steht bis 16. August auf dem Programm der Salzburger Festspiele.    

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