Ein erfrischender Beitrag

Kultur / 01.11.2020 • 22:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Arbeit von Peter Wehinger im Kunstcontainer Vor-Ort in Altach: Betreten ist sowieso nicht erwünscht. AG
Arbeit von Peter Wehinger im Kunstcontainer Vor-Ort in Altach: Betreten ist sowieso nicht erwünscht. AG

Peter Wehinger bespielt mit „Vergeltsgott“ absolut kontaktlos die Galerie Vor-Ort.

Altach „Kontaktlos“ lautet das Gebot der Stunde, das Ausstellungen in der Galerie Vor-Ort problemlos und im Vorbeiflanieren erfüllen. So konnte das Programm im Pandemie-resistenten Stahlcontainer, der nur von außen einsehbar ist, in den vergangenen Monaten ohne Verzögerungen und Absagen durchgezogen werden, und auch mit der vierten Ausstellung des Jahres ist man in Altach voll im Zeitplan. Ganz kontakt- und problemlos läuft es aber in der aktuellen Präsentation „Vergeltsgott“ von Peter Wehinger nicht ab. Nicht nur dass der Vorarlberger Künstler zunächst so seine Bedenken zum Ausstellungsort hatte, an denen er in einem kleinen Text den Besucher der Schau teilhaben lässt: „Privater Raum oder öffentlicher Raum? In einer Einfamilienhaussiedlung der Peripherie steht ein Container mit drei kleinen Fenstern. Nicht der ideale Ort für eine Ausstellung, aber vielleicht gerade deshalb inspirierend. Der Ärger über die schwierige Ausstellungssituation befruchtet die Arbeit, wirft mich aber immer wieder zurück auf die äußeren Umstände, und so bringe ich Metaebene und Arbeit zusammen und gewähre einen voyeuristischen Einblick.“

Gewohnt ungeniert und zynisch liest sich auch die Mindmap als eine Art Gedankenlandkarte, die die Denk- und Herangehensweise von Peter Wehinger in offenen Worten illustriert, wenn es da beispielsweise heißt „Kunst machen nervt“, „Provokant“, „Es soll ein bisschen weh tun“, „Eine Wespe will geärgert werden, bevor sie sticht“ oder auch „Differenzen mit Galeristinnen“. Diese provokativ-kritische, aber auch selbstironische, zuweilen bis an die Schmerzgrenze gehende Haltung, das sabotierende Hinterfragen nicht nur des Kunstbetriebs sondern auch seines eigenen Tuns, macht die Arbeiten des Künstlers aus. Dass er es weder schön noch einfach mag, hat er zuletzt mit seiner Intervention auf der Burgruine Alt-Ems bewiesen, wo er konstatierte: „Ohne Kunst wär‘s schöner.“ Fast schon legendär für Wehinger-Fans ist seine Serie von Zeichnungen männlicher Pin-ups mit mächtigen Bierbäuchen.

Körperkontakt in Coronazeiten

Und auch in Altach kann er die Finger respektive den Zeichenstift nicht vom Thema Alter, Männlichkeit und Sexualität lassen. Das zentrale mittlere Fenster der Container-Galerie bespielt der Künstler mit einer Tusche-Zeichnung, die mindestens so viel Witz wie Sarkasmus zum Ausdruck bringt. Zu sehen ist eine vitale Dame, die einen nackten, glatzköpfigen, etwas bierbäuchigen Herrn ziemlich herzhaft zwischen die Beine tritt. Da fragt man sich doch: Ist so viel Körperkontakt in diesen Tagen überhaupt legitim und Corona-konform? Das Sujet, so Peter Wehinger, spiele auch mit der Ausstellungssituation in einem Einfamilienhaus-Quartier, mit der er ja zunächst ziemlich gehadert hat, und was er sich selbst wieder antue damit. Und wenn schon, habe er auch und gerade an diesem Ort eine Ausstellung machen wollen, die keinen, der vorbeigeht und einen Blick darauf wirft, kalt lassen soll. Damit ein jeder seine Meinung zu der Sache nicht nur äußern, sondern auch in einem Selfie festhalten kann, hat der Künstler ein Bewertungsschild am Container moniert. „Zum Fremdschämen!“ heißt es auf der einen, „Leider geil!“ auf der anderen Seite. Bleibt zu danken. „Vergeltsgott“, Peter Wehinger, für diesen erfrischenden Beitrag.

Ein erfrischender Beitrag

Zur Person

Peter Wehinger

Geboren 1971 in Dornbirn

Ausbildung Akademie der Bildenden Künste Wien (Studium bei Gunter Damisch, Monika Bonvicini und Peter Kogler)

Laufbahn zahlreiche Ausstellungen und Projekte, u.a. in Feldkirch, Wien, Zürich und Bratislava, SilvrettAtelier 2012, Artist in Residence in Litauen 2012, „rookie of Art Bodensee“ 2012

Wohnort Dornbirn

Die Arbeit von Peter Wehinger ist in der Galerie Vor-Ort, Mühlbachstraße 5, Altach, bis
6. Jänner zu sehen.

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