Geschichten für die Ewigkeit

Kultur / 10.11.2020 • 18:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Auch Bilder und Videos werden gezeigt.

Auch Bilder und Videos werden gezeigt.

Der Museumsverein Klostertal hält regionale Geschichten über die NS-Zeit fest.

Wald am Arlberg Gelegenheiten, Zeitzeugen der NS-Zeit persönlich erleben zu dürfen, werden immer seltener. Der Museumsverein Klostertal hat es sich seit vielen Jahren zur Aufgabe gemacht, regionale Geschichte im Zusammenhang mit der NS-Zeit aufzuarbeiten. „Wir sind jetzt noch in einer Phase, in der wir die Chance haben, mit Zeitzeugen in Kontakt zu kommen. Irgendwann wird niemand mehr da sein, deshalb finde ich es sehr wichtig, dass wir die Geschichten der Menschen dokumentieren“, erklärt Vereinsobmann Christof Thöny.

Digitalisierung als Ergänzung

Die Homepage des Vereins dient als Plattform, auf der Interviews und andere Materialien zur Verfügung gestellt werden. „Die Digitalisierung soll als Ergänzung dienen und keine Museumsbesuche ersetzen. Die Erinnerungen sollen auch für zukünftige Generationen bewahrt werden. Als Lehrer für Geschichte nehme ich bei der jüngeren Generation wahr, dass sie ein großes Bedürfnis haben sich damit auseinanderzusetzten und zu erfahren, was in ihrer eigenen Umgebung in dieser Zeit passiert ist“, betont Thöny.

Der Verein führt ein auf zwei Jahre geplantes Projekt zum Schwerpunkt Zeitgeschichte mit der Mittelschule Klostertal durch. Die geplanten Workshops mussten aufgrund von Covid-19 abgesagt werden. Die Wissensvermittlung erfolgt nun auf digitaler Ebene anhand von Filmsequenzen, Bildmaterialien und Quellen. Der Verein veröffentlichte eine Tonaufnahme von Josef Salzgeber (geb. 1929), der über die Auflösung der Armenhäuser in Klösterle und Daalas 1938 berichtet. Damals wurden sozial bedürftige Menschen in diesen Häusern von Barmherzigen Schwestern verpflegt. Manche von ihnen, darunter auch Robert Drißner aus Klösterle, wurden nach Hall gebracht und starben dort im Laufe des Krieges unter Umständen, die heute nicht mehr aufgeklärt werden können. Der Zeitzeuge spricht auch über Botengänge, die er als Kind von Dalaas zum Schwesternhaus und wieder zurück unternahm. Damals gab es die Befürchtung, dass wichtige Briefe über den herkömmlichen Weg beschlagnahmt werden könnten.

Als Beitrag zur Digitalisierung ist ein 16-minütiger Film mit dem Titel „Widerstand und Verfolgung im Klostertal 1938 bis 1945“ entstanden, der wesentliche Aspekte der regionalen Zeitgeschichte vermittelt und im Rahmen der Ausstellung „Klostertal. Mai 1945“ gezeigt wurde. Der Hörbranzer Lehrer und Historiker Meinrad Pichler erläutert im Rahmen des Streifens die tiefgreifende Veränderung für die Vorarlberger Bevölkerung und die Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Strukturen. Filminhalt ist auch der Widerstand gegen das NS-Regime aus den Reihen der Arlbergbahn. Im Klostertal gab es eine Schicht linker Arbeiter, die sich zum Teil zur Sozialdemokratie bekannten oder auch dem Kommunismus nahestanden. Viele von ihnen wurden nach 1940 im Klostertal verhaftet. Einer von ihnen war Richard Kolar, der als einziger kommunistischer Bürgermeister in Klösterle das Amt innehatte. Der Historiker geht auf die Problematik mit den sogenannten Berufskriminellen ein. In Vorarlberg wurden Menschen auf Grundlage eines Erlasses aus dem Jahr 1938 dieser Kategorie zugordnet, unabhängig davon, ob beispielsweise ihre Vergehen bereits verjährt waren.

Schwere Schicksale

Thematisiert wird auch das Schicksal von Zwangsarbeitern, die ins Klostertal verschleppt wurden. Bis dato konnten 180 Namen erforscht werden, darunter die 1934 geborene Ukrainerin Daria Gula, die von ihren Erlebnissen berichtet. Teil des Films ist ein Ausschnitt aus dem rund eineinhalbstündigen Interview mit der Betroffenen das 2016 von Thöny geführt wurde und auf der Internetseite www.weitererzaehlen.at abgerufen werden kann. Die Ukrainerin wurde 1934 in Galizien geboren und im Alter von zehn Jahren mit ihren sechs Geschwistern und ihrer Mutter nach Langen am Arlberg gebracht. Dort lebte sie mit rund 40 anderen Personen in einem Lager. Ihre Geschwister arbeiteten bei der Eisenbahn. Sie schufteten bei Ausgrabungen und Schneeräumungen. Der Lebensalltag der Familie war von Armut geprägt. Als Kind bettelte sie am Bahnhof um Lebensmittelkarten, um diese in Geschäften einzulösen. Nach dem Kriegsende reiste die Familie mit dem Zug in ihre Heimat zurück, diese beschwerliche Reise dauerte rund einen Monat. Ihr Vater kam während der deutschen Besatzung in der Ukraine ums Leben.

Die Zeitzeugen René Asso und Herbert Traube berichten eindrücklich von ihren Erlebnissen bei der Befreiung 1945. Sie waren Soldaten der französischen Armee. Traube erzählt, wie sie mit Minenwerfern angegriffen wurden und auf welche Art er die letzten Stunden vor Kriegsende in Vorarlberg erlebt hat. Ein hochinformativer Streifen, der regionale Geschichten für die Ewigkeit festhält und die Auswirkungen des Nationalsozialismus verdeutlicht.

„Wir sind jetzt noch in einer Phase, in der wir mit Zeitzeugen in Kontakt kommen.“

Zeitzeugen nehmen eine wichtige Rolle ein.

Zeitzeugen nehmen eine wichtige Rolle ein.

Vermittelt werden wesentliche Aspekte der regionalen Zeitgeschichte. Museumsverein Klostertal
Vermittelt werden wesentliche Aspekte der regionalen Zeitgeschichte. Museumsverein Klostertal
Geschichten für die Ewigkeit

Die Materialien und der Film können auf der Homepage des Museumsvereins abgerufen werden: www.museumsverein-klostertal.at

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