Hommage an einen kritischen Geist

Kultur / 12.11.2020 • 11:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das Kino wurde schon oft totgesagt und die Coronaepedimie ist wohl eine der existenzbedrohendsten Krisen für das Kino. 2020 ein Annus horribilis, Maskenpflicht, Angst vor Ansteckung, Lockdown: Besucherzahlen sanken ins Bodenlose, hinzu kommen Ess- und Trinkverbote, die die Einnahmen Richtung Null schrumpfen lassen. In den USA und in Großbritannien schlossen ganze Kinoketten ihre Pforten. Umso wichtiger war es jetzt, ein Zeichen für die Lebendigkeit und Kraft des Kinos zu setzen, und die Viennale unter der Leitung von Eva Sangiorgi gab ein starkes Lebenszeichen für das Kino ab, mit einem spannenden Filmprogramm und vor allem mit einer wunderbaren Hommage an den leider an Krebs verstorbenen deutschen Künstler Christoph Schlingensief, der heuer seinen 60. Geburtstag gefeiert hätte. Zu sehen war eine Werkschau mit 22 filmischen Arbeiten des Allroundgenies und großen Provokateurs, darunter so visionäre Filme wie „Terror 2000“, in dem Neonazis ein Asylantenheim angreifen oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“, ein Film , in dem Westler über Ossis herfallen. Empfehlenswert auch der neue Dokumentarfilm von Bettina Böhler, „Schlingensief. In das Schweigen hineinschreien“, der in die Kinos kommt. Schlingensief mischte den Kunstbetrieb von den Museen über das Theater bis zu Oper und Film wie kein anderer auf. Er war ein Ausnahmekünstler, respektlos gegenüber falschen Autoritäten und künstlerischen Konventionen, Revolutionär und Aristokrat zugleich, leidenschaftlich vor allem, voller Energie, fein und rüde, ein Magier des Äußersten, extrem, absurd, provokant, verführerisch, charismatisch, überraschend, visionär, einer, für den Kunst und Leben eins sind.

„Die Viennale mit ihren Filmprogrammen zeigte nicht nur, wie sehr ein Künstler wie Schlingensief fehlt, sondern auch wie sehr wir das Kino brauchen.“

Ich schätzte Christoph Schlingensief außerordentlich, ich mochte seine unglaubliche Fantasie, seine Neugier, seinen Witz, seine Kratzbürstigkeit, seine Empathie, seinen Hang zum Absurden und Grotesken, seinen kritischen Geist und die Begegnungen mit ihm, ob in Bayreuth, wo ich ihn bei seinem revolutionären „Parsifal“ erleben durfte, oder in Wien, als er an seinem radikalen, provozierenden und gleichzeitig visionären Containerprojekt vor der Staatsoper arbeitete, indem er den allgegenwärtigen Fremdenhass thematisierte. Seine Arbeiten vom „Operndorf Afrika” im westafrikanischen Burkina Faso, das als Work in Progress seine Ideale weiterlebt, bis zu seinem Biennalebeitrag in Venedig, für den er posthum den Goldenen Löwen erhielt, sprengten alle künstlerischen Grenzen. Der Schauspieler Lars Zeidinger antwortete auf die Frage “Haben Sie einen Helden, der Ihnen fehlt?” mit: “ Christoph Schlingensief . Zu dem habe ich aufgesehen.” Diese Antwort teile ich voll und ganz.

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.