Ein ganz anderes Weihnachtsmärchen

Der Jahreszeiten-Zyklus von Ali Smith enthält Spannendes.
Roman Ein riesige Haus in Cornwall, das lässt behagliche Atmosphäre erwarten, herrschaftliches Ambiente, anregende Gespräche vor dem Kamin. Doch es ist ein überraschend kalter „Winter“. Als Arthur bei seiner Mutter Sophia eintrifft, ist das Haus ungemütlich und halb verfallen. Die Mutter ist mürrisch und abweisend, scheint geistig verwirrt. Die Frau an Arts Seite, die ein Mädchen ist, das er an einer Bushaltestelle angesprochen hat und das für 1000 Pfund bereit war, seine Freundin zu spielen, rät Art dringend, seine Tante Iris um Hilfe zu bitten. Doch die Schwestern sind verfeindet und reden eigentlich seit Jahrzehnten kein Wort mehr miteinander. Dennoch kommt Wärme ins Haus, als Iris mitten in der Nacht eintrifft – mit einem Berg Essen im Kofferraum. Begonnen hatte der Roman mehr wie ein Gruselfilm, mit einer langen Liste, wer alles tot ist und mit einem grünen Kopf, der rund um Sophia herumschwebt und sie irritiert. Im Laufe des Buches wird auch Art Dinge sehen, die andere nicht wahrnehmen können. Und doch bringt die im schottischen Inverness geborene Autorin die Dinge so weit ins Rollen, dass sich in den Gesprächen zwischen den vier sehr unterschiedlichen Menschen so etwas wie Herzlichkeit entwickelt.
Natur und Gesellschaft
Smiths Jahreszeiten-Zyklus, der auf Deutsch mit „Winter“ bei Band zwei hält, ist in Großbritannien bereits zur Gänze erschienen. Alle beschreiben die Risse, Verwerfungen und Verheerungen der britischen Natur und Gesellschaft in einer sehr spezifischen Weise, alle sind mit einem Shakespeare-Werk verbunden (in „Winter“ ist es das Stück „Cymbeline“). „Autumn“ wurde 2016 als erster Brexit-Roman gefeiert und kam auf die Booker-Preis-Shortlist, „Winter“ führt die Erschütterungen des Brexit-Referendums weiter, „Spring“ legte einen stärkeren Fokus auf die Themen Immigration und Natur. Mit „Summer“ kam Smith in der Gegenwart an, inklusive Coronapandemie. Vorerst ist einmal die deutsche Übersetzung von „Frühling“ für März angekündigt. Man darf sich darauf freuen.
“Winter”, Ali Smith, übersetzt von Silvia Morawetz, Luchterhand, 320 Seiten.