Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Das ist kein Thema mehr

Kultur / 19.03.2021 • 21:14 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Interessantes war diese Woche auf VOL.at in „Vorarlberg live“ – übrigens inzwischen eine der interessantesten Informationsmöglichkeiten im Land – zu hören. In einem Gespräch mit Chefredakteur Gerold Riedmann meinte der höchste Beamte des Bildungsministeriums, der aus Vorarlberg stammende Generalsekretär Martin Netzer, dass die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen auch als Modellregion Vorarlberg vom Tisch sei. Fast in einem Nebensatz erklärte Netzer damit dem Vorarlberger Landtag, dass seine Entscheidungen nicht von Bedeutung seien. Denn im Jahre 2015 hat der Landtag einstimmig (!) beschlossen, die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen einzuführen. Dieser Beschluss wurde damals von allen, nicht zuletzt von der Wirtschaft, als epochaler Schritt gefeiert. Auch Landeshauptmann Markus Wallner stand klar dahinter. Doch dann kam eine neue Regierung mit Bundeskanzler Sebastian Kurz – und die Bundes-ÖVP hatte andere Vorstellungen als das Land. So wurde aus dem epochalen Schritt nicht einmal mehr ein Schrittchen. Und jetzt auch noch Martin Netzer, der meinte: „Das ist kein Thema mehr.“ Es gehe inzwischen mehr um pädagogische Inhalte. Man reibt sich ungläubig die Augen: Die gemeinsame Schule ist also nach dem obersten Beamten des Bildungsministeriums kein pädagogischer Inhalt? Die Notwendigkeit, die „Gymnasialdrängler“ in der vierten Klasse Volksschule mit den ehrgeizigen Eltern einzubremsen und die malträtierten Lehrer dieser Klassen zu schützen, das ist keine pädagogische Frage? Den Kindern „gleiche Chancen zu ermöglichen und ihre Talente bestmöglich fördern“ (grüne Bildungssprecherin im Landtag, Eva Hammerer) ist keine pädagogische Überlegung? Martin Netzer, der selbst im zweiten Bildungsweg an die Universität gekommen ist, hat wohl seine eigene Geschichte verdrängt. Er müsste eigentlich wissen, dass eine Trennung im Bildungsweg mit zehn Jahren – hier Mittelschule, dort Gymnasium – zu früh ist.

Das stellen natürlich die Elitedenker von „Pro Gymnasium“ – sie treten in ganz Österreich massiv gegen das Projekt der gemeinsamen Schule auf – in Frage. Aber auch die zuständige Schullandesrätin in Vorarlberg, Barbara Schöbi-Fink meint, die Modellregion Vorarlberg für die gemeinsame Schule sei nur „theoretisch machbar“. Eine große Verfechterin scheint sie nicht zu sein, denn sie sieht vor allem Hürden am Weg. Nicht ganz so radikal wie Martin Netzer, aber auch nicht gerade eine Kämpferin für den einstimmigen Landtagsbeschluss, an den doch alle gebunden wären. Also auch: „Das ist kein Thema mehr.“

„Die Notwendigkeit, die ,Gymnasialdrängler‘ in der vierten Klasse Volksschule mit den ehrgeizigen Eltern einzubremsen und die malträtierten Lehrer dieser Klassen zu schützen, das ist keine pädagogische Frage?“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.