Im Übrigen sind es Zeitwörter, die eine Geschichte lebendig machen

Kultur / 16.04.2021 • 19:22 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ruth Schmiedberger veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien. mathis
Ruth Schmiedberger veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien. mathis

Wenn ich an Tipps fürs Schreiben denke, fällt mir als zuallererst eine Anekdote ein. Der gute, alte Hemingway soll im Kreis von Freunden gewettet haben, dass er mit nur sechs Wörtern eine Geschichte erzählen könne. Laut der Überlieferung haben die Freunde ihm nicht geglaubt. Bis Hemingway seine sechs Wörter präsentiert habe: „For sale: Baby shoes. Never worn.“ Im Deutschen kommt die Geschichte sogar nur mit vier Wörtern aus: „Zu verkaufen: Babyschuhe. Ungetragen.“

Ganz egal, ob sich diese Geschichte so zugetragen hat oder nicht. Völlig unerheblich, ob Hemingway wirklich der Verfasser dieser Zeilen ist oder nicht. Es geht um den Raum, den diese vier oder sechs Wörter eröffnen. Es geht um das Ungesagte, das zwischen den Zeilen steht, diese Bilder, die sich im Kopf der Leserinnen und Leser zu einer Geschichte formen. Jede und jeder mag sich eine eigene Version bilden, warum die Babyschuhe nicht getragen wurden. Was uns aber alle wahrscheinlich vereint, ist ein Stocken, ein Schaudern ob der Nachricht, dass diese Schuhe niemals zu den Füßen fanden, für die sie vorgesehen waren. Als Leserinnen und Leser füllen wir die Leerstelle mit unserer eigenen Phantasie, wir schaffen unsere eigene Version eines möglicherweise tragischen Vorfalles.

Was ich damit sagen möchte? Haben Sie Mut zur Lücke. Vertrauen Sie diesem Leerraum zwischen den Zeilen. Setzen Sie bewusst spärliche Informationen, die die Vorstellungskraft beflügeln. Das ist hohe Kunst, ich weiß. Denken Sie jedoch an den kleinen Schritt, der eine ganze Lawine ins Rollen bringen kann. Oder rufen Sie sich den winzigen Stupser in Erinnerung, den kleine Kinder zu Beginn des Radelns benötigen, um ins Fahren zu kommen. Genau diesen Teaser braucht eine Geschichte. Zu ihrer wahren Größe entfaltet sie sich jedoch im Kopf der Leserinnen und Leser.

Schreibanlässe

Kürzlich führte ich mit einer Bekannten ein Gespräch über Schreibanlässe. Wir sprachen darüber, dass Texte meist ein Sammelsurium von Gehörtem, Beobachtetem und oft auch selbst Erlebtem seien. Irgendwie fühlte ich mich nicht ganz wohl bei dieser Aufzählung. Es fehlte etwas ganz Entscheidendes: Geschichten speisen sich auch und vor allem aus der Phantasie. Was wäre, wenn…? Die Frage nach Alternativen und Möglichkeiten finde ich sehr wichtig, wenn es um das Entstehen von literarischen Texten geht. Manchmal meldet sich dann ein innerer Zensor, der meint: So kannst du das nicht schreiben, was werden die anderen denken? Welchen Blick werden sie auf dich werfen?

Dann erinnere ich mich gerne an den deutschen Autor Dieter Wellershoff (der leider vor beinahe drei Jahren verstorben ist) und sein Verständnis von Literatur als Simulationsraum. Was etwas sperrig klingt, meint nichts anderes als: Literatur ist ein Ort, in dem Handlungsweisen ausprobiert werden können, ohne dass sie Konsequenzen auf das eigene Leben haben. Als Erzählerin kann ich zur Mörderin, Diebin oder Dealerin werden, ohne dass ich in meinem realen Leben mit Folgen rechnen muss. Das Schreiben bietet eine Art Probebühne, auf der alles erlaubt ist. Beim Schreiben erzählen wir also nicht nur eine Geschichte oder schaffen ein Gedicht. Beim Schreiben erschaffen wir uns selbst. Und vor allem erschaffen wir eine Welt.

Und damit nun in diesem Plädoyer wenigstens ein Hauch von Tipp liegt: Sperren Sie Ihren inneren Zensor weg, nehmen Sie ihm die Luft zum Atmen oder überzeugen Sie ihn wenigstens für die Dauer dieses einen Textes, dass er die Klappe halten soll (später darf er dann eh wieder seinen Senf dazugeben). Fabulieren Sie. Erfinden Sie. Und stellen Sie sich so oft wie möglich die Frage: Was wäre, wenn…

Zeigen, nicht erzählen

In der schreibenden Zunft gibt es so eine Art Credo. Ein heimliches Abkommen, das eigentlich nicht geheim ist, weil es ja in den meisten Schreibschulen gelehrt wird: Show, don’t tell. Was auf Deutsch so viel heißt wie: Zeigen, nicht erzählen.

Wie wirkt der folgende Satz auf Sie? Die Fußballerin war wütend.Lesen Sie nun von einer Fußballerin, die ihre Fußballschuhe in die Ecke schmettert, aus der Kabine stürmt und die Tür hinter sich zuknallt? Was erzeugt mehr Emotionen bei Ihnen? Ich hoffe, die zweite Version. Und wissen Sie auch, warum? Ja, natürlich wissen Sie es, Sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Also: Versuchen Sie, Gefühle oder Eigenschaften nicht zu beschreiben, sondern in eine Situation zu packen, in der sie plastisch werden.

Im Übrigen sind es im Deutschen die Zeitwörter (schmettern, stürmen, zuknallen), die eine Geschichte lebendig machen. Da fällt mir gerade ein Interview mit Peter Handke ein, der ein Verfechter der Zeitwörter ist. Er wurde gefragt, wie er denn zur Homosexualität stünde. Sinngemäß hat er geantwortet, dass er mit diesem und allen anderen Hauptwörtern nichts anfangen könne. Er könne sich aber vorstellen, dass eine Frau mit einer Frau ein Zeitwort habe: lieben.

Zurück aber zu Show, don’t tell. Manchmal, ganz selten und mit der stillen Zufriedenheit dessen, dem das Überschreiten des Verbots ein unheimliches Vergnügen bereitet: Werfen Sie das Credo über den Haufen und erzählen Sie ausladend und überbordend.

Zur Person

Ruth Schmiedberger

Geboren 1976 in Bregenz

Ausbildung Studium Germanistik und Romanistik (Spanisch), Leondinger Akademie für Literatur

Tätigkeit Deutschtrainerin, Autorin

Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen Bregenzer Kunststipendium

Die Aufforderung zum Selbstschreiben ist eine Kooperation der Vorarlberger Nachrichten mit Literatur Vorarlberg und dem Theater am Saumarkt, Feldkirch.