Das Leben einer großen Denkerin in sieben Bildern

Kultur / 24.04.2021 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Leben einer großen Denkerin in sieben Bildern
Das neue Stück des Walktanztheaters ist eine Mischung aus Schauspiel, Tanz und Musik. SARAH MISTURA

Mit dem Stück über Hannah Arendt macht sich das Walktanztheater selbst ein Jubiläumsgeschenk.

Feldkirch Etwas verstehen zu wollen, ist keine Selbstverständlichkeit. Eine, die das Verstehen-Wollen quasi in sich aufsaugte wie ein Lebenselixier, war die Theoretikerin Hannah Arendt. 1906 in Deutschland geboren, emigrierte sie über Frankreich in die USA und wurde dort, nachdem ihr, der Jüdin, die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde, eine leidenschaftliche Amerikanerin.

Immer quer, niemals handzahm stellte sie Fragen, wo andere den Kopf einzogen. Nun steht sie im Zentrum der nächsten Premiere des Walktanztheaters, mit der – coronabedingt – das 20-jährige Bestehen der Theaterplattform nachgeholt wird. „Hannah Arendt ist mir immer wieder bei verschiedenen Projekten über den Weg gelaufen und mit ihr auch das Verstehen-Wollen. Das ist für sie ganz entscheidend wichtig bis hin zum Nationalsozialismus, den sie ja auch ,verstehen‘ wollte und dabei zum Beispiel mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess heftige Diskussionen ausgelöst hat“, taucht Theaterchefin Brigitte Walk mitten hinein ins Lebensthema einer Frau, die als eine der größten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gilt.

Ihre Methode? Vielleicht würde man sie heute „ganzheitlich“ nennen, auf jeden Fall aber multi-perspektivisch und interdisziplinär. „Hannah Arendt nimmt ihre Leser an der Hand und lässt sie in ihre Denkräume eintreten. Dabei will sie ihrem Gegenüber keine unumstößliche Weisheit aufdrücken, sondern lässt selbst entdecken, was es zu entdecken gibt. Und auch wenn sie ihre Thesen entwickelt, dann spielen dort Sprache, Erfahrung, Anschauung, Wissen und Denken genauso eine Rolle wie die Kunst“, erklärt Walk aus ihrer Beschäftigung mit Hannah Arendt heraus, die sie in allen Text- und Tondokumenten als eine sehr „körperbewusste und der Welt zugewandte“ Frau erfahren habe.

In dieser persönlichen Herangehensweise liegt dann auch der Schlüssel dazu, wie Brigitte Walk gemeinsam mit der Dramaturgin Silke Meier-Brösicke Hannah Arendt auf die Bühne bringt. Sieben Bilder, sieben Stationen werden es sein, kein chronologischer Ablauf, sondern eine thematische Collage, die so an das Leben, Denken und Arbeiten Arendts annähert. Das inkludiert Arendts Beschäftigung mit totalitären Herrschaftssystemen ebenso wie ihre Körperlichkeit, ihr Kreisen um das Denken an sich oder auch das Thema des Neuanfangs, der immer wieder versucht werden muss, der aber auch immer offen steht. Das Spannende daran – neben der Mischung aus Schauspiel, Tanz und Musik – ist auch, dass sich Brigitte Walk in der Konzeption des Stücks allein auf Originaltexte stützt. Das heißt: Es sind die Worte Hannah Arendts, aus denen hier Szenen entwickelt und destilliert wurden.

Neue Räume öffnen

Nun, mit dem aktuellen Projekt wird im Walktanztheater das 20-jährige Bestehen begangen, das im vergangenen Jahr pandemiebedingt entfallen musste. Und irgendwie spiegelt sich auch in diesem Projekt, was das Walktanztheater ausmacht: das Eröffnen von neuen Räumen, das Stellen von Fragen und das Zusammenspiel mehrerer Disziplinen. „Mit dem Arbeiten in mehreren Genres haben wir begonnen, als es das noch kaum gab“, blickt Walk zurück und stellt im Blick nach vorne fest, dass es genau jetzt darum gehe, „Theater wieder stattfinden zu lassen. Schrecklich wäre es, wenn uns der Bruch der Pandemie zurückspringen ließe in ein Theater, das einen streng hierarchisch gegliederten Raum spiegelt. Für mich geht es darum, neue Räume zu öffnen und mit verschiedenen Menschen Wirkräume auszutesten. Die Krise ist da. Das heißt aber nicht, dass wir nur dasitzen müssen.“ Man darf also gespannt sein und neugierig bleiben. Veronika Fehle

Die Premiere von „Hannah Arendt. Ohne Geländer“ am 24. April, 18 Uhr, im Alten Hallenband Feldkirch ist ausverkauft. Weitere Termine: www.walktanztheater.com