Vorarlbergerin hat eine Oper über Schubert geschrieben

Kultur / 25.04.2021 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Vorarlbergerin hat eine Oper über Schubert geschrieben
Johanna Doderer: “Ich bin mir bewusst, dass die Ausübung dieses Berufes in meiner freien und unabhängigen Art wirklich ein Glück dieser Zeit ist”. MARIA FRODL

Mit einem Jahr Verzögerung wird das neue Werk von Johanna Doderer nun in München uraufgeführt.

WIEN Die heute in Wien lebende Johanna Doderer hat in vielen Sparten, vor allem aber mit ihren Opern, internationale Bedeutung erlangt. Ihr neuestes Werk „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ entstand nach einem Libretto von Peter Turrini und wird am Freitag im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz als Stream gezeigt.

Als komponierende Frau wären Sie noch vor gut einhundert Jahren gesellschaftlich verpönt gewesen. Spüren Sie heute, auch als Prominente, in diesem Beruf noch gewisse Vorbehalte?

Ich bin mir bewusst, dass die Ausübung dieses Berufes in meiner freien und unabhängigen Art wirklich ein Glück dieser Zeit ist. Das Selbstverständnis der Frauen ist heute ein vollkommen anderes als noch vor wenigen Jahren. Dies verdanken wir auch den Frauen, die sich stark für dieses Selbstverständnis eingesetzt haben. Vorbehalte spüre ich heute keine, manchmal eine gewisse Neugier.

Ein gewisser Schwerpunkt hat sich mit Ihrem Opernschaffen herausgebildet, auch für Kinder. Was fasziniert Sie an diesem Genre?

Oper ist die Verschmelzung verschiedener künstlerischer Ebenen innerhalb eines zeitlich eingegrenzten Raums. Bei einer Operninszenierung arbeiten so viele unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Absichten zusammen, letztlich zählt aber dann doch, was „als Ganzes“ herauskommt: ein Gesamtkunstwerk. Man braucht als Komponist eine dicke Haut bei den Proben, vieles muss den Ideen und technischen Möglichkeiten der anderen Ebenen wie Regie, Bühne und Besetzung Platz machen. Es entsteht bei Oper immer etwas anderes als das Werk, welches man sich beim Komponieren vorstellte. Aber darin liegt auch die Chance. Aber das Eigentliche, die Melodien, die Musik – das bleibt. Daher entscheidet eine Oper gnadenlos, wie gut die Musik ist, wie sehr sie dem allem standhält.

Und Sie waren sich von Anfang an des Risikos auch für die Komponistin bewusst, weil der Großteil der heute aufgeführten Opern aus der Vergangenheit stammt?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Mein Leben war ohnehin immer „auf Messers Schneide“ – das machte keinen Unterschied. Ich war immer schon ein Profi in Unsicherheiten, war quasi genau dort daheim.

Haben Sie eigentlich durch Ihren Großonkel, den berühmten Schriftsteller Heimito von Doderer, auch eine besondere Sensibilität für das Wort entwickelt, die Ihnen bei der Oper hilft?

Ich habe relativ spät, nämlich erst in Wien, die Bücher meines Großonkels gelesen, mit Begeisterung! Irgendwie scheint da schon etwas in den Genen zu sein, die Verstrickungen von verschiedenen Zeitebenen, der lange Atem …

Und jetzt also eine Oper mit Schubert über Schubert – wie groß ist das Risiko, als Komponistin ein Werk über einen anderen berühmten Komponisten zu schreiben?

Das war wirklich eine sehr große Herausforderung. Ich hatte aber – trotz aller Bedenken und Befürchtungen – nicht gezögert. Mir war nach dem ersten Gespräch mit Peter Turrini sofort klar, hier geht es weniger um die Musik Schuberts als um den Menschen Franz Schubert, um eine Persönlichkeit, die gefangen in Sehnsucht psychischer Isolation die prachtvollste Musik schreibt.

Das Libretto entstand seit 2016 im Austausch mit Peter Turrini, den Sie lange und gut kennen. Wie schwierig war es, Schuberts zwiespältigen Charakter darzustellen?

In Turrinis Libretto ist Franz Schubert eigentlich kein sympathischer Mann, eher ein introvertierter, auch jähzorniger und manchmal (dadurch) boshafter Charakter. Er versucht und ringt um Anerkennung bei den Frauen, was seine Kollegen scheinbar mit Leichtigkeit schaffen, er selbst aber wird als musikalischer Gott in die Höhe gehoben und gefeiert und dadurch noch mehr in die Isolation getrieben. Er schafft es schwer, über seine Gefühle zu sprechen, diese zu zeigen. In den entscheidenden zwischenmenschlichen Momenten fehlen ihm die Worte, er schweigt. Schweigt verzweifelt.

Diese Oper ist das Produkt Ihrer jahrelangen intensiven Auseinandersetzung mit Schubert und seiner Musik?

Als Vorbereitung für diese Oper hatte ich mehrere Werke von ihm nicht nur analysiert, sondern auch im „Schubertschen Sinn“ neu komponiert. Ich wollte seiner Musik so nahe wie möglich kommen, sie kompositorisch verinnerlichen.

Wieviel Schubert steckt nun in der neuen Doderer-Oper?

Die Musik besteht aus mindestens drei Ebenen: erstens die Originalmusik von Franz Schubert, dann eine Musik „zwischen Doderer und Schubert“ und als dritte Ebene die eigenständige Musik von Johanna Doderer.

Schubert war ein großer Naturfreund – ist das etwas, was Sie gerade für diese Oper auch mit ihm verbunden hat?

Die Natur ist in meinem Schaffen die wichtigste Inspirationsquelle. Ohne die langen Spaziergänge, die Wanderungen, das „Draußensein“ könnte ich keine Musik schreiben. Ich verbringe auch jetzt die meiste Zeit in meinem Zweitwohnsitz im Weinviertel. Im Rückzug, aus der Stille schöpfe ich. Und Felsen sind für mich „Musik pur“!

Die finden Sie natürlich in Vorarlberg – was verbindet Sie heute noch mit unserem Land?

Ich komme sehr gerne und immer wieder nach Vorarlberg. Es ist ein Teil von mir, ein wunderbares Land. Ich hatte eine lustige und verrückte Kindheit, wir waren eine große Familie, wir hatten Pferde und viel Platz. Meine Eltern waren sehr tolerant und ohne meine Kindheit in Vorarlberg wäre ich wahrscheinlich nicht diesen schönen, aber oft auch „abgründigen“ Weg als Komponistin gegangen. Fritz Jurmann

JOHANNA DODERER

GEBOREN 1969 in Bregenz, aufgewachsen in Dornbirn

AUSBILDUNG Landeskonservatorium Klavier (Melody Wu, Fuat Kent) und Komposition (Gerold Amann); Kompositionsstudien in Graz (Beat Furrer) und Wien (Erich Urbanner)

TÄTIGKEIT Umfangreiches und vielfältiges Œuvre als Komponistin mit acht Opern, Liedern, Chören, Orchesterwerken, Klavier- und Kammermusik mit internationalen Aufführungen durch namhafte Interpreten  

AUSZEICHNUNGEN Österreichisches Staatsstipendium für Komposition 2002, Kulturpreise der Städte Wien und Feldkirch 2002, Ernst-Krenek-Preis 2014; Kompositionspreis des Landes Vorarlberg 2020, Kulturpreis des Landes Niederösterreich 2020, Sparte Musik

„Schuberts Reise nach Atzenbrugg“, Oper von Johanna Doderer – 30. April, 19.30 Uhr, Gärtnerplatztheater München; kostenloser Livestream unter www.gaertnerplatztheater.de