Hohe Qualität trotz niedriger Besucherzahl

Kultur / 02.01.2022 • 10:00 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Hohe Qualität trotz niedriger Besucherzahl
„Nero“ war die große Festspieloper und mit „Richard II.“ kam das Burgtheater, das bleibt. Forster/Cruz

Die großen Festspielprojekte wurden im Jahr 2021 von etwas Besonderem ergänzt – von der Modellregion Vorarlberg.

Schwarzach Die Kälte hat sich gut angefühlt. Nicht nur, weil sich da und dort schon ausgeaperte Stellen zeigten, standen die Zeichen auf Zuversicht, als sich Ende März dieses Jahres eine Gruppe von Menschen in der Abenddämmerung auf einer Wiese in Hittisau einfand. Maskentragen und Abstandhalten hatte man längst eingeübt, die Überprüfung des negativen Corona-Tests war noch etwas unbeholfen.

Macht nichts, alle sind früh genug gekommen bzw. so zeitig, dass die Vorstellung unter freiem Himmel vor 20 Uhr zu Ende sein wird. Wenige Tage zuvor wurde Vorarlberg zur Modellregion erklärt. Während im Rest von Österreich Theater- und Musikaufführungen immer noch verboten waren, schöpfte man im westlichsten Bundesland nach Monaten der verordneten Veranstaltungsabstinenz Hoffnung. Jeweils hundert getestete Menschen durften Kulturpublikum sein – zumindest bis das Sandmännchen kommt. Die Bemerkung eines Musikers, „die Regierung hat lieber 3000 Menschen im Einkaufszentrum als 300 in einem Konzert“, war längst zum geflügelten Wort geworden, dürfte aber endlich Denkprozesse ausgelöst haben.

Oper Nero  <span class="copyright">Forster/Cruz </span>
Oper Nero Forster/Cruz

Das Ensemble Café Fuerte um Tobias Fend und Danielle Fend-Strahm hatte in den März-Tagen 2021, ein Jahr nach dem Auftauchen des Virus und nach einem neuerlichen Lockdown, der bereits beim ersten Schneefall im November begann, ein Stück der Stunde parat. Mit „Pakete. Pakete“ wurde das thematisiert, was sich in der Pandemie noch deutlicher zeigte als sonst. Der moderne Mensch konsumiert oft weit über seine eigentlichen Bedürfnisse hinaus aufgrund unreflektierter Begehrlichkeiten. Auf der Strecke bleiben nicht nur jene, denen das Bargeld oder die Kreditwürdigkeit fehlt, sondern auch jene, die auf Jobs wie jene eines Paketzustellers angewiesen sind, deren Bezahlung auch in Österreich nur bedingt auf sozialpartnerschaftlichen Prinzipien basiert.

Tobias Grabher gründete 2021 das Orchester Camerata Musica Reno und bot mit „Die Geschichte vom Soldaten“ ein ideales Werk. <span class="copyright"> Stiplovsek</span>
Tobias Grabher gründete 2021 das Orchester Camerata Musica Reno und bot mit „Die Geschichte vom Soldaten“ ein ideales Werk.  Stiplovsek

Symbolik

Zumindest ein Surrogat zu liefern, mit solchen Bemühungen hatten sich einige der großen Wiener Bühnen sowie Vorarlberger Ensembles über Monate Verdienste erworben, indem sie Produktionen streamten. Wer hätte je gedacht, dass das Burgtheater einmal in Vorarlberg Aktivitäten setzt, die im eigenen Haus untersagt sind. Shakespeares „Richard II.“ in der Inszenierung von Johan Simons wird dem Bregenzer Publikum wohl nicht in Erinnerung bleiben, weil diese so herausragend gewesen wäre. Mit dem Stück aus dem Fundus der Königsdramen wurde zwar Machtgeilheit und Intrigantentum so dargestellt, dass das Geplänkel um die Krone nicht kalt ließ, in der Theatergeschichte des Landes festgeschrieben hat sich dieser „Richard II.“ aber nicht wegen der inszenatorischen Qualität, sondern wegen seiner Symbolik. Mitte April 2021 war erstens abzusehen, dass die scharfen Besucherbeschränkungen bald einmal aufgehoben werden und zweitens wurde klar, dass die Bregenzer Festspiele und das Wiener Burgtheater nicht mehr so schnell voneinander lassen werden. Mittlerweile gilt es als vereinbart, dass Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ in der Inszenierung von Burgtheaterdirektor Martin Kusej im Jahr 2022 in Vorarlberg gezeigt wird und dass die Festspiele, die sich erneut für einen April-Termin entschieden haben, ihr zeitliches Korsett als Sommerfestival nicht mehr so eng sehen.

Das Aktionstheater war mit dem Pandemie-Stück „Lonely Ballads“ für einen Nestroy-Preis nominiert. <span class="copyright"> Breitwieser</span>
Das Aktionstheater war mit dem Pandemie-Stück „Lonely Ballads“ für einen Nestroy-Preis nominiert.  Breitwieser

Als solches trugen sie 2021 zumindest dick auf. „Nero“, die selten gespielte Oper von Arrigo Boito, braucht sich im Anschluss an die Neuinszenierung im Festspielhaus nicht an anderen Spielplänen zu behaupten, damit die Wahl gerechtfertigt ist. Einige Jahre nach ihrem Antritt in Bregenz ist das Programm von Intendantin Elisabeth Sobotka neben der Inszenierung auf dem See, die unbedingt funktionieren muss, von Vielfalt gekennzeichnet. Mehrere Uraufführungen – im Schauspiel mit „Lohn der Nacht“ von Bernhard Studlar in Kooperation mit dem Theater Kosmos und der Bühnenadaptierung von Kleists „Michael Kohlhaas“, im Musiktheaterbereich mit „Upload“ von Michel van der Aa und „Wind“ von Alexander Moosbrugger – waren schon im vergangenen Sommer dabei, insgesamt acht Musiktheaterproduktionen will Sobotka 2022 realisieren. Neben dem Wiener Burgtheater bleibt zudem der ältere Schauspielpartner, das Deutsche Theater Berlin.

Mit „Jephtha“ hat das Landestheater eine tolle Produktion für 2022 in petto, die 2021 nur wenige sehen durften.
Mit „Jephtha“ hat das Landestheater eine tolle Produktion für 2022 in petto, die 2021 nur wenige sehen durften.

Assoziationsladen

Dass die vor allem im Konzertbereich unvergleichlich reichhaltigen Salzburger Festspiele 2021 an sich nur eine große Opernneuinszenierung, nämlich Mozarts „Don Giovanni“, angeboten haben, ist als Kritikpunkt im berechtigten Beifall untergegangen, der dem Unternehmen aus dem Corona-Sommer 2020 nachhallte, in dem man sich Aufführungen leisten konnte, nachdem die erlaubte Besucherzahl im Freien exakt auf den „Jedermann“ zugeschnitten war. Die „Elektra“-Inszenierung von Krzysztof Warlikowski unter der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst vertrug ob ihrer Qualität freilich eine Wiederaufnahme, dass Romeo Castellucci nach einer starken „Salome“ mit „Don Giovanni“ im Grunde aber nur einen riesigen Assoziationsladen feilbot, hat für manche die beeindruckend vom Schnürboden krachende Limousine, der bald noch eine Kutsche folgte, fast übertönt. Die Bayreuther Festspiele aus österreichischer Perspektive zu betrachten, nämlich den Blick auf Hermann Nitsch und seine Bebilderung der „Walküre“ sowie auf Nikolaus Habjans und Paulus Hochgatterers „Rheingold“-Spektakel im Park zu lenken, greift zu kurz. Dmitri Tcherniakow verzichtete bei der Neuproduktion von Wagners „Der fliegende Holländer“ auf die sich opfernde Frau. Senta verlässt hingegen diese Männergesellschaft, das Recht dazu gibt ihr nicht nur der Regiewille, sondern auch eine Stoffquelle aus der an sich auch der Komponist schöpfte, dem die Schnabelewopski-Memoiren von Heine bekannt waren. Am geschichtsträchtigen Pult des Festspielhauses agierte mit Oksana Lyniv erstmals eine Maestra, die nicht nur die besondere Orchesteranordnung meisterte, sondern auch die Tatsache, dass die Chorpassagen pandemiebedingt zugespielt werden mussten. Corona hatte auch die legendär beengten Verhältnisse in einem der bekanntesten, stets ausverkauften Opernhäuser der Welt verändert. Wirtschaftlich ist es ein Desaster, aber der Komfort, wenn jeder zweite Klappsessel unbesetzt bleiben muss, ist einmalig. Er soll sich allerdings nicht wiederholen.

Schweinshaxen

Das westlichste Bundesland empfinden Wiener mitunter als nicht mehr zu Österreich gehörend. Jedenfalls riefen Regierungsmitglieder Mitte Mai zum Fototermin in einen Biergarten, wo sie sich um den damals Noch-Kanzler Kurz sowie Schweinshaxen und Backhendln gruppierten, um zu veranschaulichen, dass die Gasthäuser nun wieder geöffnet sind. Während man darüber sinnieren kann, warum ein Gruppenbild zum Lockdownende in einem der ebenfalls wieder offenen Theater wohl nicht in Erwägung gezogen wurde, darf festgehalten werden, dass die Modellregion Vorarlberg selbstverständlich auch der Gastronomie galt. Auch Gast bei einem Wirt sein durfte man hier schon zwei Monate früher, tagsüber, wie erwähnt, nach Einbruch der Dunkelheit sollten nur Schichtdienstleister noch nicht zu Hause sein.

Mit „Sprich nur ein Wort“ von Maximilian Lang veredelte das Landestheater die Modellregionzeit. <span class="copyright"> Köhler</span>
Mit „Sprich nur ein Wort“ von Maximilian Lang veredelte das Landestheater die Modellregionzeit.  Köhler

Dem Kulturbedürfnis kam auch das Landestheater trotz erschwerter Bedingungen aktiv nach. Die Produktionen hatten sich aufgestaut und mit der Uraufführung des Stücks „Sprich nur ein Wort“ wurde nicht zugewartet bis das Haus besser besetzt werden durfte. Verdeutlichte der Bregenzer Autor Maximilian Lang doch damit das Umfeld des Bregenzerwälder Dichters und Sozialreformers Franz Michael Felder (1839-1869). Mit dem Herauskristallisieren von Antiliberalismus und dem Erspüren von Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit war auch das ein Stück der Stunde und damit eine zentrale Produktion im Bühnengeschehen 2021. Die Orchestergründung von Tobias Grabher und das Engagement des „Pforte“-Machers Klaus Christa reihen sich hinzu.

Übrigens: Den Schlafentzug, den der Verlag mit dem Veröffentlichungstermin von „Matou“ im August zum Ende einer intensiven Festspielsaison bescherte, ist der Roman von Michael Köhlmeier mit seinen knapp 1000 Seiten wert. Für „Löwenherz“ von Monika Helfer, den dritten Band nach den preisgekrönten Büchern „Die Bagage“ und „Vati“, bleibt man im Jänner gerne wach.

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