Nachmachen ausdrücklich erlaubt

Kultur / 04.01.2022 • 22:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nachmachen ausdrücklich erlaubt
“Malerausflug mit Hermann Hesse” von Gunter Böhmer.

Das Zeppelinmuseum rückt Künstlerbeziehungen über den See hinweg in den Fokus.

Friedrichshafen, Bregenz Abgesehen davon, dass die Partizipation, also das aktive Mitmachen im Vorfeld der Ausstellung erwünscht war, darf man auch das Nachmachen propagieren. Nicht, dass nun nach dem Zeppelinmuseum weitere Institutionen den vielfältigen Beziehungen von Persönlichkeiten nachspüren sollten, die im Bereich der bildenden Kunst und der Literatur tätig waren, gemeint ist, dass die Kommunikation über den Bodensee hinweg auch in der Gegenwart wieder deutlicher sichtbar werden könnte. Vielleicht entsteht die eine oder andere Künstlerfreundschaft ja vor Ort. Das Museum hat sich mit der Ticketgestaltung auf wiederholte Besuche in der Sonderausstellung „Beziehungsstatus: Offen. Kunst und Literatur am Bodensee“ eingestellt und diese mit einladenden Lesezonen so gestaltet, dass längeres Verweilen leichtfällt. Es wird auch notwendig sein, denn das Projekt erwähnt zwar die üblichen Verdächtigen wie die Dichterin Annette von Droste Hülshoff (1797-1848), die in der Hoffnung an den See kam, hier selbstbestimmter leben zu können, oder Hermann Hesse (1877-1962), der hier in Naturverbundenheit wiederum neue Kontakte knüpfen konnte, es fokussiert aber auch weniger Bekanntes.

So lernte etwa die Österreicherin Elisabeth Kopriwa an der Wiener Kunstakademie Fritz Mühlenweg kennen und zog mit ihm Mitte der 1930er-Jahre nach Allensbach, wo sie die Familie von Otto Dix (1891-1969)  kennenlernten. Nachdem Mühlenweg mittlerweile auch literarisch tätig war, intensivierte sich der künstlerische Austausch. Zudem wurde die Konstanzer Malergruppe gegründet. Elisabeth Mühlenweg (1910-1961) war zwar auf Aufträge angewiesen, um die sieben Kinder durchzubringen, ihr Porträt von Martha Dix zeigt jedoch, dass sie einen eigenen Stil entwickelte.

Keineswegs nur regional

Die Qualität eines Dix, der sich vor den Nationalsozialisten in die idyllische Landschaft zurückzog, hatte sie freilich nie erreicht. Was allerdings nicht heißt, dass die rund um den Bodensee ansässigen Künstler etwa nur regionale Bedeutung erlangten. Der Bregenzer Maler Rudolf Wacker (1893-1939) stand mit Intellektuellen seiner Zeit in Verbindung, war mit Arbeiten auf der Biennale in Venedig vertreten und zählt mittlerweile zu den wichtigsten Vertretern der Kunst der Zwischenkriegszeit. Neben Albert Bechtold (1885-1965) war er Mitglied der Künstlervereinigung „Der Kreis“, was bezeugt, dass er nicht nur regen Austausch mit Kollegen auf internationalem Parkett hielt, sondern auch mit jenen in der Region. Etwa mit dem Schweizer Autodidakten Adolf Dietrich (1877-1957), der mit seinen eigenständigen Landschaftsbildern in eine solche Ausstellung gehört.

Es wirkt wie eine Ironie, wenn aus dem Dokument der Gründung der erwähnten „Kreis“-Vereinigung hervorgeht, dass genau darauf geachtet wurde, dass der Wohnort eines Mitglieds nicht weit vom Seeufer entfernt war. War der Bodensee also Sehnsuchtsort, weil er abseits großer Städte liegt? Dix fand ihn „zum Kotzen schön“, Erich Heckel (1883-1970) zog es auch nach dem Krieg vor, am See zu bleiben, wo er als mit Ausstellungsverbot Belegter einst Zuflucht fand, und auch Max Ackermann (1987-1975) zog es aufgrund der politischen Verhältnisse hierher, wo auch Willi Baumeister für kürzere Zeit weilte.

Sanatorium Bellevue

Während Martin Walser (geb. 1927) erwartungsgemäß Erwähnung findet, obwohl auf die Auseinandersetzung mit den Inhalten seiner Werke zugunsten der Erwähnung seines Porträtisten André Ficus verzichtet wurde, zählt der Verweis auf das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen zu den Fundstücken. Carl Sternheim (1878-1942) hatte es aufgesucht. Der Dramatiker lebte mit seiner Frau Thea eine Zeitlang in Uttwil, wo ihn Künstler besuchten. Im Bellevue suchte einst auch der Maler Ernst Ludwig Kirchner Heilung. Er hatte den Psychiater Robert Binswanger in typischer Manier verewigt. Den verwunschen wirkenden, noch erhaltenen Gebäudeteil künstlerisch ins 21. Jahrhundert zu rücken, symbolisiert die Absicht der Museumsleitung, nach Kontakten im Jetzt zu suchen.

Max Ackermann zog in den 1930er-Jahren an den Bodensee und scheint in der erlebenswerten Ausstellung auf. museum
Max Ackermann zog in den 1930er-Jahren an den Bodensee und scheint in der erlebenswerten Ausstellung auf. museum
Nachmachen ausdrücklich erlaubt
„Das Fenster“ (1931) zeigt den Blick aus dem Atelier von Rudolf Wacker in Bregenz.VN/cd
„Das Fenster“ (1931) zeigt den Blick aus dem Atelier von Rudolf Wacker in Bregenz.VN/cd
Für seine Landschaften wie „Schiffsteg“ (1940) betrieb der Schweizer Adolf Dietrich fotografische Vorstudien.
Für seine Landschaften wie „Schiffsteg“ (1940) betrieb der Schweizer Adolf Dietrich fotografische Vorstudien.
Die
Die “Bildnisbüste Rudolf Wacker” wurde 1970 nach der Originalbüste von Albert Bechtold (1924) gegossen und stammt aus dem Vorarlberg Museum. Die beiden Künstler waren befreundet und Mitglied der Vereinigung “Der Kreis”, der Kolleginnen und Kollegen im Bodenseeraum angehörten.

Geöffnet im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen bis 24. April. Umfangreiches Rahmen- und Partizipationsprogramm sowie Zutrittsregeln: zeppelin-museum.de

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