Wir sind alle Raumfahrer

Kultur / 07.01.2022 • 19:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wir sind alle Raumfahrer

Die „Tauchgänge“ von Max Grüter zählen zu den besten Projekten in der Johanniterkirche.

Feldkirch Ausgestattet mit Helm und Sauerstofftank ließ Max Grüter seine Figuren auch schon wie Eindringlinge von einem anderen Planeten auf der Erde landen. In seinem „Privaten Weltraumprogramm“ durfte zudem die Venus von Willendorf im Orbit schweben, jenes Figürchen, das vor etwas mehr als hundert Jahren in Niederösterreich ausgebuddelt wurde und dokumentiert, dass Menschen schon vor etwa 30.000 Jahren Bildhauerei betrieben und sich dabei nicht die Natur zum Vorbild nahmen, sondern bei der Formgebung ihrer Fantasie folgten.

Inspektionsteam

Jene Erdtaucher, die nun die vor Jahrzehnten zum Kunstraum gewordene Feldkircher Johanniterkirche erkunden, sind in der Dimension zwar dem menschlichen Körper nachempfunden, die Assoziationen, die sie hervorrufen, sind allerdings wunderbar weit entfernt von einem pragmatisch empfundenen Alltag. So soll es wohl sein, wenn der in Zürich lebende Schweizer Künstler (geb. 1955) davon spricht, dass unser Leben letztendlich eine Raumfahrt auf der Erdkugel ist und wir dringend danach trachten sollten, dass unser Planet nicht kaputt geht. So gesehen lassen sich die Figuren, die da aus dem Boden in der Johanniterkirche auftauchen, als Inspektionsteam identifizieren, das diesen mit allerlei Geschichten und Schicksalen kontaminierten Ort ausmisst, dessen Ausstattung noch auf die frühere sakrale Funktion schließen lässt.

Und ein wenig erinnert die Grüter’sche Installation wohl auch an die Arbeit des britischen Künstlers Antony Gormley. Vielleicht nicht so sehr an seine hundert Eisenmänner, mit denen er vor einigen Jahren die Arlbergregion besiedelte, sondern an die Konzepte, die er zuvor an der belgischen und norddeutschen Küste verwirklichte. Damals lugten je nach Gezeitenlage nur die Köpfe oder Oberkörper einer Reihe von Figuren aus dem Wasser und gaben ein fantasieanregendes Bild ab.

Religion, Geschichte, Archäologie

Auf solche Effekte hat es auch Max Grüter mit seinen Betontauchern abgesehen, angesichts derer sich erneut festhalten lässt, dass das Setting nicht nur außerordentlich fotogen ist, sondern dass ein Besuch in der Johanniterkirche im besten Fall auch ein Abtauchen ermöglicht, um sich Zeit für Reflexion zu nehmen.

Interessant mag es in diesem Zusammenhang auch sein, dass die Figuren bereits der Witterung am Gotthardpass in der Schweiz ausgesetzt waren und nach dem Aufenthalt in Feldkirch, wo sie, wie Grüter festhält, „Religion, Geschichte und Archäologie durchwirken“, wieder mit einem anderen Ort in den Dialog treten.

Wie alle Skulpturen von Max Grüter wurden auch die Taucher digital entworfen. In Beton gegossen, bringen die Skulpturen, die im Ausmaß einer leicht überhöhten menschlichen Körpergröße entsprechen, etwa 250 Kilogramm auf die Waage. Leichte Gussabweichungen sowie die Patina sind im Vergleich zur knallorangen vertikalen Markierung dem Zufall überlassen.

Wer sich bewusst macht, dass Max Grüter gelernter Grafiker ist, den verwundert es nicht, dass er sein künstlerisches Anliegen mit „freidimensional“ übersetzt. Und wer den Skulpturenweg in Gurtis kennt, der ist dort auch auf den gleichlautenden Schriftzug gestoßen, dessen Urheber der Schweizer Künstler ist, den Kurator Arno Egger für sein Programm in der Johanniterkirche engagierte, nachdem er mit ihm vor Jahren für eine Ausstellung der Vereinigung Kunst.Vorarlberg zusammenarbeitete. Schön, dass der Kontakt wieder aufgenommen wurde, denn die „Freidimensionalen Tauchgänge“ zählen wohl zu den besten je in der Johanniterkirche realisierten Projekten.

Installation mit 14 Figuren des Schweizer Künstlers Max Grüter in der Feldkircher Johanniterkirche, die seit Jahren ein Kunstraum ist. VN/Stiplovsek
Installation mit 14 Figuren des Schweizer Künstlers Max Grüter in der Feldkircher Johanniterkirche, die seit Jahren ein Kunstraum ist. VN/Stiplovsek
Wir sind alle Raumfahrer

Zur Person

Max Grüter

Geboren 1955 in Adliswil

Ausbildung Ausbildung zum Grafiker

Laufbahn zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Galerien und Kunsthallen, mehrere Arbeiten im öffentlichen Raum in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich

Tätigkeit Grafiker und freischaffender Künstler

Die Installation von Max Grüter ist bis 19. Februar in der Johanniterkirche in Feldkirch zu sehen, Di bis Fr, 10 bis 12 und 15 bis 18 Uhr, Sa, 10 bis 14 Uhr: www.johanniterkirche.at

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