Immer offen bleiben für Neues

Kultur / 21.01.2022 • 17:43 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
„Ich genieße heute die musikalischen Momente auf der Bühne viel intensiver, weil man ja nie weiß, was morgen sein wird.“ Gmeinder
„Ich genieße heute die musikalischen Momente auf der Bühne viel intensiver, weil man ja nie weiß, was morgen sein wird.“ Gmeinder

Martina Gmeinder führt ein Sängerinnenleben zwischen Vorarlberg, München, Stuttgart, Hamburg und Wien.

WOLFURT Seit vielen Jahren ist sie im Land quasi abonniert auf die Altpartien bei großen Messen oder Oratorien und gibt Liederabende mit breitem Repertoire. Das berühmte Altsolo in Mahlers zweiter Sinfonie unter Manfred Honeck mit dem Tokyo Symphony Orchestra in Japan hat Martina Gmeinder den Weg geöffnet zu internationalen Auftritten als Solistin und gefragte Gastsängerin in professionellen Vokalensembles.

 

Trotz Ihrer stimmlichen Begabung kamen Sie erst über Umwege zum Gesang.

GMEINDER Ich habe zuerst Schulmusik und Mathematik studiert und erst relativ spät den Schwerpunkt auf das Singen gelegt. Das ist bis heute eindeutig auch meine Herzens-Berufung geblieben.

 

Ein Wiener Gesangspädagoge hat Ihren wohlgerundet dunklen Mezzosopran überhört und wollte Sie partout zur Sopranistin machen.

GMEINDER Das war zu Beginn meiner Gesangsausbildung. Zuerst hab‘ ich mich darauf eingelassen, aber spätestens nach einem Semester war mir klar, dass ich mich damit nicht identifizieren kann.

 

Wer hat Sie dann auf die rechte Bahn Ihres heutigen Stimmfaches geleitet und geprägt?

GMEINDER Das war definitiv Kurt Widmer. Ich kam über einen Meisterkurs in Vaduz zu ihm und fuhr dann eine Zeit lang wöchentlich nach Basel zum Privatunterricht. Dank ihm habe ich meinen eigenen Klang wieder gefunden.

 

Sie gelten offiziell als Mezzo, singen aber oft auch Altpartien. Die Grenzen sind fließend, was wohl sehr vom Repertoire abhängt. Was sind Sie nun wirklich?

GMEINDER Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es kommt tatsächlich auf das Werk an. In Oratorien singe ich immer die Altpartie, aber bei Liedern beispielsweise liegt die Aufgabe für mittlere Stimme meistens perfekt für mich. Generell fällt mir die Höhe inzwischen leichter als in meinen jüngeren Jahren, deswegen bezeichne ich mich heute als Mezzo.

 

Neben dem klassisch-romantischen Repertoire im Lied wagen Sie sich gerne auch in zeitgenössische Bereiche vor, etwa zusammen mit dem Pianisten Anselm Hartmann bei Ihrer CD „Passions“ 2019 oder arbeiten auch mit Komponisten aus unserer Region zusammen.

GMEINDER Die Intention unserer CD-Produktion war in erster Linie, Lieder aufzunehmen, die es nicht schon x-fach auf dem Markt gibt. Die CD enthält Kompositionen von Samuel Barber, Benjamin Britten, Reynaldo Hahn und Francis Poulenc. Mit Iván Kárpáti verbindet mich eine langjährige Zusammenarbeit, die ich sehr schätze und Jaroslaw Netter hat einen interessanten Liederzyklus für Mezzo und Klavier geschrieben, der perfekt zu meiner Stimme passt. Zeitgenössische Literatur zu singen, eröffnet immer wieder neue Facetten an der eigenen Stimme, das finde ich sehr spannend.

 

Sie sind aber auch schon innert Tagen etwa bei einem Konzert von Miriam Feuersingers Bach-Zyklus für eine erkrankte Kollegin eingesprungen, haben 2014 eine Solopartie beim Großen Welttheater in Bildstein verkörpert und stehen seit 2018 als Solistin beim Salzburger Adventsingen auf der Bühne – woher kommt Ihre enorme Vielseitigkeit?

GMEINDER Ich denke, Vielseitigkeit hat mit Offenheit zu tun. Ich wollte mich nie „schubladisieren“ lassen und war bzw. bin auch heute immer offen für Neues.

 

Der international tätige Dirigent Manfred Honeck hat Sie vor einigen Jahren für sich entdeckt und Ihnen zu ersten internationalen Auftritten in Japan und bei seinem Festival im deutschen Wolfegg verholfen – wie war das für Sie?

GMEINDER Sehr aufregend! Die beiden Konzerte in Japan 2008 mit Mahlers Zweiter waren bis heute wohl tatsächlich meine spannendsten und wohl auch emotionalsten. Ich war neun Tage in Tokyo und durfte bei jeder Probe dabei sein, das war unglaublich inspirierend. Mit Manfred Honeck zu arbeiten, ist ein sehr großes Geschenk. Auch die drei Engagements in Wolfegg (2008/2012/2013) sowie mehrere Mozart-Requiem-Aufführungen in Lustenau unter seinem Dirigat bleiben unvergessen.

 

War das dann auch das Sprungbrett für die Bewerbung bei internationalen Profichören als projektbezogene Gastsängerin?

GMEINDER Nein – das kam alles erst viel später. Obwohl meine große Leidenschaft immer noch der Sologesang ist, wurde ich in den letzten Jahren im Internet mehrfach auf diverse Profichöre aufmerksam. Ich habe mich für verschiedene Vorsingen beworben und diese auch „bestanden“. Inzwischen bin ich freie Mitarbeiterin beim Chor des Bayerischen Rundfunks in München, beim Balthasar-Neumann-Chor unter Thomas Hengelbrock, beim SWR-Vokalensemble in Stuttgart und neuerdings auch bei der Company of Music Wien unter Johannes Hiemetsberger. Die Arbeit in solch hochprofessionellen Ensembles ist eine schöne und bereichernde Ergänzung zum solistischen Schaffen.

 

Zuletzt sind Sie beim Weihnachtskonzert des Concerto Stella Matutina in Götzis mit der Wiener Company of Music aufgefallen mit Ihren wunderbaren Altsoli in der Missa Bruxellensis von Biber. Das war ja Ihr Debüt in diesem Ensemble.

GMEINDER Ja, das Vorsingen hat erst im September stattgefunden. Glücklicherweise kam gleich danach die Anfrage für dieses schöne Projekt – für mich als Vorarlbergerin war es natürlich ganz besonders, mit einem „Heimspiel“ zu debütieren.

 

Hat die Pandemie Sie als Künstlerin oder als Mensch verändert.

GMEINDER Corona hat uns wohl alle gelehrt, flexibel zu werden und auch zu bleiben. Nichts ist selbstverständlich. Ich erlebe und genieße heute die musikalischen Momente auf der Bühne viel intensiver, weil man ja nie weiß, was morgen sein wird.

 

Was sind Ihre nächsten Pläne?

GMEINDER Im Februar und März stehen zwei Projekte mit dem SWR-Vokalensemble an, im April finden zwei Konzerte mit dem Chorseminar Liechtenstein mit dem Requiem von Maurice Duruflé statt, und im Mai reise ich mit dem Balthasar-Neumann-Chor für ein Konzert nach Monaco. Nebenbei beginne ich mit den Vorbereitungen für eine Opernrolle: Im August werde ich bei den Werdenberger Schloss-Festspielen als Frau Reich in Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ mitwirken.

Zur Person

MARTINA GMEINDER

Geboren 1976 in Feldkirch

AUSBILDUNG Studium Mozarteum Salzburg/Innsbruck, Musikuniversität Wien, bei Kurt Widmer in Basel, Meisterkurse u.a. bei Peter Schreier und Thomas Hampson

TÄTIGKEIT Verpflichtungen bei Messen, Konzerten, Liederabenden in Vorarlberg, seit 2016 freie Mitarbeiterin beim Chor des Bayerischen Rundfunks, seit 2020 beim Balthasar-Neumann-Chor und seit 2021 beim SWR-Vokalensemble Stuttgart und bei der Company of Music Wien

VERÖFFENTLICHUNGEN Barock-CD „Musica inflammata Triberg“ (Barockensemble der Wiener Symphoniker, 2014); Lied-CD „Passions“ (Anselm Hartmann, Klavier, 2019)

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