Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Die Schule der Diktatoren

Kultur / 15.04.2022 • 19:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war im Jahr 1956, als Erich Kästner sein Theaterstück „Die Schule der Diktatoren“ vorlegte, das ein Jahr später in München uraufgeführt wurde. Natürlich liegt man richtig, wenn man meint, dass Kästner das Stück unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, der Diktatur Adolf Hitlers und seiner Schergen, geschrieben hat.

Allerdings war es dem Autor wichtig, „Die Schule der Diktatoren“ grundsätzlicher, also auch losgelöst von seiner persönlichen Erfahrung, zu sehen. Es ging ihm um das Erkennen der „Manipulierbarkeit und Demoralisierung der Massen, jene erlebte Form der Entmenschlichung“, die wir auch heute wieder im Ukrainekrieg, in der Entfesselung aller menschlichen, moralischen und ethischen Überlegungen bei Wladimir Putin erleben. Man könnte meinen, das Problem ließe sich damit erledigen, dass man Putin – mit welchen Mitteln auch immer – aus dem Amt bringt. Aber Kästner warnt: Auf jeden Diktator folgt der nächste, einer der sozusagen schon während der Zeit der Diktatur „eingeschult“, geradezu geklont wird. Und es wird wieder einer sein, der den Krieg nicht scheut, sondern ihn vielmehr noch ausweitet.

Die Ukraine lehrt uns derzeit das Fürchten, ist dieser Krieg doch sozusagen mitten in Europa. Aber andere Konflikte auf dieser Welt sind nicht weniger brutal, nur sind sie weiter von uns entfernt. Im Jahr 2020 (das sind die letzten Aufzeichnungen) gab es weltweit nicht weniger als 29 bewaffnete Konflikte, die sich zu einem großen Teil schon Jahre hinziehen. Hier nur die bekanntesten: Mali, Nigeria, Äthiopien, Sudan, Libyen, Somalia, Syrien, Irak, Afghanistan, Pakistan, Myanmar – und noch viele andere. Alle in höchster Brutalität geführt und fast immer sind die Länder diktatorisch geführt. Es geht um Macht, um Geld, um Einfluss, um Bodenschätze – und immer nur um die Interessen der Diktatoren, nie um jene der Menschen. Die Bevölkerung leidet, verarmt, erkrankt, wird unterdrückt, gefoltert und getötet. Hier wie dort – und eben auch in der Ukraine.

Was aber macht die Welt, was machen auch wir? Wir machen Geschäfte mit den Diktatoren. Von uns gingen Wirtschaftsdelegationen zu Wladimir Putin, wir machten und machen Geschäfte in Sachen Öl und Gas mit ihm und brachten uns in wirtschaftliche Abhängigkeit. Von einem Diktator.

Aber auch andere Diktaturen, Beispiel China und manche andere, werden von unseren Politikern und Wirtschaftskapitänen hofiert, wenn es ums Geschäft geht. Politik und schon gar nicht Wirtschaft kennen moralische oder ethische Standpunkte, wenn es ums Geld geht. Geld stinkt nicht, ist die alte Devise. Auch wenn dabei Menschen draufgehen. Ist ja nicht bei uns. Ist nur in der Ukraine.

„Von uns gingen Wirtschaftsdelegationen zu Wladimir Putin, wir machten und machen Geschäfte in Sachen Öl und Gas mit ihm und brachten uns in wirtschaftliche Abhängigkeit.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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