„Vo nix kummt nix“

Kultur / 29.04.2022 • 21:39 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wolfram Baldauf: „Man muss sich engagieren und die Werbetrommel bereits in der Volksschule rühren. Kein Kind ist unmusikalisch.“ mathis
Wolfram Baldauf: „Man muss sich engagieren und die Werbetrommel bereits in der Volksschule rühren. Kein Kind ist unmusikalisch.“ mathis

Wolfram Baldauf ist seit 20 Jahren Obmann im größten Verein Vorarlbergs.

LOCHAU Am 1. Mai ist „Tag der Blasmusik“. Wolfram Baldauf leitet den Landesverband mit 8000 Mitgliedern in 129 Blasorchestervereinen und war auch als Vorkämpfer für die Erhaltung der Militärkapellen mehrfach erfolgreich.

 

Sind Sie stolz darauf, dass es heute im Land mehr Kapellmeister als Bürgermeister gibt?

BALDAUF Das ist ein Zeichen, dass die Blasmusik in unserem Land bestens verankert ist und es in einzelnen Orten zwei oder mehr Musikkapellen gibt. Nur in sechs Kleingemeinden gibt es keinen Musikverein.

 

Lässt sich diese Bedeutung des Blasmusikwesen im Land an ein paar Zahlen festmachen?

BALDAUF Bemerkenswert in unserer Statistik ist wohl, dass die Musikvereine sich zu drei Vierteln selbst erhalten, also unsere vier Millionen an jährlichen Ausgaben für Instrumente, Musikheime, Noten und Ausbildung nur durch eine Million an Subventionen der öffentlichen Hand abgedeckt sind. Trotzdem sind wir zufrieden damit, auch wenn immer Luft nach oben bleibt. Unsere Aktivitäten haben zuletzt natürlich durch die Pandemie gelitten. Während es in einem Normaljahr ca. 2600 Ausrückungen sind, waren es zuletzt nur noch 700.

 

Hat sich die prekäre Situation mit entfallenen Proben und Aufführungen wieder normalisiert?

BALDAUF Es braucht natürlich seine Zeit, aber die Blaskapellen proben wieder und die ersten Aufführungen sind bereits über die Bühne gegangen, auch wenn es schon einige Austritte gegeben hat. Aber der Terminkalender füllt sich wieder.

 

Sie sind oberster Repräsentant des Vorarlberger Blasmusikverbandes, und damit auch die höchste Instanz für dessen Finanzgebarung.

BALDAUF Ja, gemeinsam mit dem Landesfinanzreferenten werden im Vier-Augen-Prinzip die Fördergelder des Landes verwaltet. Die Finanzgebarung wird jährlich geprüft und abgesegnet. Grundsätzlich gilt unser Prinzip, eine solide Budgetierung aufzustellen und nicht mehr auszugeben als Einnahmen zu erwarten sind.

 

Reizt es Sie heute auch als einfaches Mitglied beim Musikverein Lochau das Tenorhorn zu spielen?

BALDAUF Für mich bedeutet das Musizieren und das Zusammenkommen bei Proben und Ausrückungen noch immer einen besonderen Ausgleich und einen Dienst an der Öffentlichkeit. Denn Blasmusik ist für mich mehr als ein Hobby – es ist eine Leidenschaft geworden, die mich nicht mehr loslässt.

 

Wie früh wurden Sie von der Blasmusik angesteckt, dass daraus eine Lebensaufgabe entstanden ist?

BALDAUF Schon mein Vater stammt als begeisterter Blasmusikant aus einer Familie, bei der alle sechs Söhne bei der Musik waren. Mein Bruder und ich haben ials Kinder im Musikverein Lochau begonnen, und nach einer berufsbedingten Unterbrechung von 15 Jahren ist mir erst bewusstgeworden, was mir die ganze Zeit gefehlt hat.

 

Die Blasmusik ist heute mit derzeit 2500 „Lehrlingen“ auch für die Jugend besonders attraktiv – wie kam das?

BALDAUF Wie heißt es so schön: „Vo nix kummt nix“. Man muss sich engagieren und die Werbetrommel bereits in der Volksschule rühren. Kein Kind ist unmusikalisch. Kinder sind neugierig, horchen auf, wenn Musik ertönt und wollen mitmachen. Diesen Moment zu erwischen, ist die große Kunst. Erfolgreich sind jene, die Werbeaktionen in einer kindgerechten Form durchführen und sie persönlich ansprechen, oft auch in Kooperation mit Musikschulen und Ensembles der Militärmusik.

 

Wie geht es den Frauen in der Blasmusik, sie gehören wohl zu den Systemerhaltern?

BALDAUF Ja, das kann man sagen. So manche Musikvereine wären als Orchester gar nicht mehr spielfähig. Der Anteil der Frauen bis zu 30 Jahren ist schon höher als bei den Männern. Ab dem 30. Lebensjahr haben dann doch noch die Männer die Mehrheit.

 

Was geschieht eigentlich am „Tag der Blasmusik“?

BALDAUF Der erste Sonntag im Mai wurde 1953 in Vorarlberg als „Tag der Blasmusik“ erstmals ausgerufen und ist bis heute bei der Ortbevölkerung hochgeschätzt. Seitdem spielen die Musikvereine an unterschiedlichen Tagen von Ende April bis Mitte Mai auf. Sie machen „mit klingendem Spiel“ auf sich aufmerksam und freuen sich über einen Obolus, der vor allem für die Jugendarbeit dringend benötigt wird.

 

2024 steht ein großes Fest bevor.

BALDAUF Ja, wir feiern das 100-jährige Bestehen des Landesverbandes, mit Festakt, Logo und Auftragskomposition, Mammut-Orchester und einem großen Militärmusikfestival.

 

Sie erfüllen seit 2005 auch die Stelle des Obmanns im Förderverein für die Militärmusik Vorarlberg, seit 2009 sogar österreichweit, und haben sich dabei ordentlich ins Zeug geworfen.

BALDAUF Ja, das war notwendig, als 2015 ein Minister fünf Militärkapellen, darunter auch jene in Vorarlberg, zunächst ganz abschaffen und dann schrumpfen lassen wollte. Die Militärmusiken bieten Musikerinnen und Musikern die Chance, sich ein breites und praxisorientiertes Wissen im Bereich der Blasmusik anzueignen. Solange es eine Wehrpflicht in Österreich gibt, sollen unsere Blasmusiktalente ihren Präsenzdienst bei den Militärmusiken ableisten dürfen, nach dem Abrüsten geben sie ihr Wissen in ihren Heimatmusikvereinen weiter.

Zur Person

WOLFRAM BALDAUF

GEBOREN 1953 in Dornbirn

AUSBILDUNG Hotelkaufmann, berufspädagogische Akademie

TÄTIGKEIT Berufsschullehrer i. R. an der gastgewerblichen Berufsschule Lochau, Hotelier; Obmann des Vorarlberger Blasmusikverbandes, des Fördervereins der Militärmusik und des Musikvereins Lochau

FAMILIE verheiratet, drei Kinder

25. Mai, 19.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz – Galakonzert der Militärmusik Vorarlberg, Leitung Wolfram Öller