Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ein Denkmal für Kundeyt Surdum

Kultur / 27.05.2022 • 18:14 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts kam ich als junger freier Journalist zu Radio Vorarlberg. Ich war beeindruckt von fast allem, was mich da erwartete, und was ich erstmals sah: viel Technik, Menschen, die damit umgehen konnten, andere, die vor Mikrofonen sprachen, Studios, die sich groß und mich klein machten. Ein kleiner Mann fiel mir auf, der immer gemessenen Schrittes direkt vom Eingang ins Studio ging, der scheinbar keinen Kontakt mit anderen hatte. Ich fragte nach ihm, und man sagte mir, das sei ein Türke, der die „Sendung für die Gastarbeiter“, also für jene aus der Türkei – es gab auch eine für jene aus Jugoslawien –, gestalte. Die Jahre gingen, die Sendung bekam einen neuen Namen, „Gastarbeiter“ war nicht mehr politisch korrekt, und ich wurde mit Kundeyt Surdum bekannt. Zuerst mit dem Journalisten, der auch für Zeitungen und die Arbeiterkammer wichtige Informationen für die Türken in Vorarlberg vermittelte. Und dann sah ich ihn in einem Studio, er las Gedichte in einem ganz besonderen Deutsch, einer sehr genauen und doch ungemein poetischen Sprache. Da hörte ich zum ersten Mal den Dichter Kundeyt Surdum.

Man konnte nicht anders, als von diesen Gedichten, von dieser Sprache, von diesem Mann gefangen zu sein. Nicht nur weil es besonders war, einen Dichter zu hören, der nicht in seiner Muttersprache Poesie machte, sondern weil er auch Themen in Gedichtform brachte, die man bis dahin so nicht kannte. Themen von Menschen, die fern ihrer Heimat lebten, Menschen, die Heimweh hatten und Sehnsucht nach dem Meer, Menschen, die erkannten, dass sie „Unter einem geliehenen Himmel“ (so der Titel des ersten Gedichtbandes von Kundeyt Surdum) lebten. Man konnte traurig werden, man war aber auch fasziniert, von den Gedichten ebenso wie vom Menschen Kundeyt Surdum.

Nun wurde vom vorarlberg museum und dem Franz-Michael-Felder-Archiv die erste Werkausgabe von Kundeyt Surdum vorgelegt: „Hier endet die Fremde“ (Verlag Sonderzahl). Der Bearbeiter, Claudio Bechter, hat sich einer Mammutaufgabe in großartiger Weise unterzogen, hat nicht nur alle verfügbaren Texte von Surdum (Gedichte, Prosa, Hörspiele) gesammelt, sondern auch den notwendigen wissenschaftlichen Apparat geliefert und ein Nachwort geschrieben, das uns die außergewöhnlichen Texte und die Person des Dichters tatsächlich näher bringt. Dass das Buch auch noch optisch eine Freude ist, soll nicht unerwähnt bleiben. Besseres konnte man nicht tun, denn so entstand das vielleicht schönste und sinnvollste Denkmal, das man diesem außergewöhnlichen Menschen Kundeyt Surdum errichten konnte.

„Man konnte nicht anders, als von diesen Gedichten, von dieser Sprache, von diesem Mann gefangen zu sein.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.