Wenn das Homeoffice in den Wahnsinn treibt

Kultur / 09.09.2022 • 18:25 Uhr
Jähnert spielt großartig den Einsamen, den Cholerischen, den Verzweifelten.
Jähnert spielt großartig den Einsamen, den Cholerischen, den Verzweifelten.

Premiere von „Aquarium“ in der Lochauer Festhalle.

Lochau Das von Andreas und Sascha Jähnert gegründete Theater Mutante brachte am Donnerstagabend seine neue Produktion „Aquarium“ in Lochau auf die Bühne. Das Stück wurde von Schauspieler Andreas Jähnert und Regisseurin Bernadette Heidegger gemeinsam entwickelt.

Der Protagonist Gallo (Andreas Jähnert) ist Ossi (eine Bezeichnung für Menschen, die in der ehemaligen DDR geboren oder aufgewachsen sind), lebt in Vorarlberg, hat keine Freunde und feiert seinen Geburtstag. Einzig seine Schwester schickt ihm ein Geschenk, ein Buch ohne Grußkarte. Gallo ärgert sich maßlos darüber: „Da kann man ja depressiv werden ohne Grußkarte!“ Egal ob er seinen Bruder oder seine Freundin anruft, immer kommt nur der Anrufbeantworter. Wahrscheinlich will der Bruder keinen Kontakt mehr und die Freundin hat sich längst getrennt. Er stürzt sich in seinen Job: Gärtner und „Mädchen für alles“ in einem Privathaushalt. Sein Chef Lukas, ein Freund aus dem Osten, ist seine einzige Kontaktperson. Nachdem er ihm zum Geburtstag gratuliert hat, schickt er Gallo prompt ins Homeoffice. Seine Freundin möchte etwas mehr Zweisamkeit und da stört Gallo nur. Die Post kann er schließlich auch von zu Hause erledigen.

Gemeinsam mit der persönlichen Sprachassistentin Alexa, der einzigen Frau in seinem Dasein (schließlich macht sie immer, was er ihr befiehlt), überlebt er die Tage in Einsamkeit, Verzweiflung und in der Angst, vergessen zu werden.

Sein Verhältnis zu Frauen ist gestört. Annalena Baerbock hasst er abgrundtief und für Politikerinnen an sich empfindet er Verachtung. Auch an den Frauen im Krieg lässt er kein gutes Haar: „Während die Männer noch im Krieg sind, bauen sich die Frauen ein neues Leben. Und wenn die Männer zurückkommen, sind die Frauen doch lang schon nicht mehr da.“

Jeder Tag ist gleich

Gespräche führt er mit der Lampe, dem Plattenspieler und der Kaffeemaschine. Er redet mit ihnen über Probleme und Sehnsüchte. Jeder Tag mit all seinen Ritualen ist gleich, nur in den Nächten träumt Gallo ein anderes Ich, er träumt davon, das zu sein, was er am meisten verachtet, eine Frau.

Im stilvollen Bühnenbild von Romy Rexheuser spielt Andreas Jähnert großartig den Einsamen, den Cholerischen, den Verzweifelten. Einen Mann, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß, aber sonst niemanden hat aus der realen Welt, mit dem er kommunizieren kann. Jähnert zeigt mit vielen Facetten einen ganzen Theaterabend lang einen Menschen, den Freizeit und Homeoffice nahezu in den Wahnsinn treiben. YAS

Gallo (Andreas Jähnert) ist Ossi, lebt in Vorarlberg, hat keine Freunde und feiert seinen Geburtstag. VN/Rhomberg
Gallo (Andreas Jähnert) ist Ossi, lebt in Vorarlberg, hat keine Freunde und feiert seinen Geburtstag. VN/Rhomberg

Weitere Termine: 10. bis 14. September 2022 jeweils um 20 Uhr in der Festhalle in Lochau.