Schön, aber nicht harmlos

Kultur / 11.11.2022 • 19:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Andreas Schwankl und Helga Pedross als Peter und Petra.WTT/Sarah Mistura
Andreas Schwankl und Helga Pedross als Peter und Petra.WTT/Sarah Mistura

Das Walktanztheater nimmt dem Stück „Nur Nachts“ von Sibylle Berg die Patina.

Feldkirch Sibylle Berg war als Dramatikerin in der Vorarlberger Theaterszene bereits präsent. Landestheaterbesucher erinnern sich vielleicht noch an „Und jetzt: Die Welt! Und dann kam Mirna“, eine Auseinandersetzung mit Rollenbildern, die durch das Agieren von wunderbaren Schauspielerinnen das altbackene Kolorit verlor. Dass „Nur nachts“, uraufgeführt 2010 am Wiener Akademietheater, noch etwas älter ist, lässt sich kaum kaschieren. Die Frage, ob man mit Mitte 40 noch einmal einen Neuanfang wagen bzw. den Lebensweg paarweise weiterbeschreiten kann, ist isoliert gesehen so etwas von obsolet, dass Brigitte Walk, die das Stück selbst inszenierte, in der Tat kein Geistervolk aufmarschieren zu lassen braucht, das die Zweifelnden heimsucht. Gäbe es da nicht die Möglichkeit, Themen wie die wirtschaftliche Absicherung, die Angst vor dem Alleinsein, dem Älterwerden und vor dem Verlust der Akzeptanz im sozialen Umfeld auch hochgradig zum Vorschein zu bringen, so würde die Reduktion der Besetzung auf eine Schauspielerin, einen Schauspieler und einen Musiker ebenfalls nicht viel bringen.

Mit Helga Pedross und Andreas Schwankl hat Walk allerdings zwei Akteure besonderen Formats für Petra und Peter engagiert, die den Spielleiter als eigene Figur nicht vermissen lassen. Der Musiker Paul Winter deutet ab und an diese Funktion an und kontrastiert mit elegantem Easy-Listening-Sound den Zynismus der Kommentare, die sich das Paar in seinem Herantasten an den anderen immer wieder selbst liefert. Das wirkt auf den ersten Blick ziemlich vertrackt, lässt sich aber schön aufgliedern, denn Brigitte Walk hat dem Spiel neben und in den Betten (die Ängste kommen ja meist in der Nacht) eine spannende Chorografie angedeihen lassen. Exaltiertheit wird klug vermieden, den märchenhaft dunklen Touch unterstreicht Sarah Mistura mit projizierten Zeichnungen von Augen und Mündern sowie weiteren Figuren, die nur noch entfernt an die Maskerade der Uraufführung erinnern und in Verbindung mit einem Videofilm eine weitere Ebene einführen. Sandra Münchow hat ihr dafür eine exzellente Ausstattung in Schwarz-Weiß geliefert.

Relevanz

Pedross und Schwankl bewähren sich in diesem Ambiente als rasch wandlungsfähige Schauspieler, die die Unternehmungslust aufblitzen und die berechtigten Sorgen ob der Weltlage immer wieder zu Abgründen größeren Ausmaßes anwachsen lassen. Und dies bei aller Heiterkeit, die Raum bekommt. Das Bedrohliche spürbar zu machen, aber nicht eigens zu visualisieren, ist eine Gangart, die dem Werk Relevanz verleiht und ihm die Patina nimmt.

Dass lieblich formulierte Theaterzetteltexte mitunter eine Erwartungshaltung hervorrufen, die die Inszenierung gar nicht erfüllen will, hat sich nun im Theater am Saumarkt gezeigt. Nach dem Schlussapplaus blieb das Publikum sichtlich irritiert noch länger sitzen, begann aber rege zu diskutieren. Ein gutes Zeichen für eine lange Spieldauer dieser Produktion. CD

Weitere Aufführungen von „Nur nachts“ am 28. und 29. November, jeweils 19.30 Uhr, im Theater am Saumarkt in Feldkirch.

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