Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Das etwas andere Jubiläum

Kultur / 02.12.2022 • 18:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war im Jahre 1964, als in Österreich mit großem Erfolg ein Volksbegehren zur Reform des Rundfunkwesens gestartet wurde. Die Folge war das neue Rundfunkgesetz, das am 1. Jänner 1967 in Kraft trat. Das war die Stunde des Gerd Bacher, der zum ersten Generalintendanten des neuen ORF bestellt wurde. Mit Unterbrechungen sollte er das in den nächsten 20 Jahren noch fünfmal werden. Das war auch die Stunde der Bundesländer, denn Bacher war ein großer Föderalist und wollte für alle ein auf dem neuesten technischen Stand stehendes Rundfunkgebäude. 1972 wurden die Landesstudios von Architekt Gustav Peichl, auch Peichl-Torte genannt, eröffnet, in insgesamt fünf Bundesländern, darunter auch Tirol und Vorarlberg. Ein guter Grund, nun 50 Jahre Landestudios zu feiern. Die Feiern verliefen unterschiedlich, in Tirol anders als in Vorarlberg.

Die Tiroler Landesdirektorin Esther Mitterstieler erteilte der Universität Innsbruck einen Forschungsauftrag, um von außen einen kritischen Blick auf die Tiroler Rundfunkgeschichte zu werfen. Der Zeithistoriker Benedikt Kapferer hat nun seinen 300 Seiten umfassenden Bericht vorgelegt, der auch im Internet zugänglich ist. Mitterstieler legte Wert darauf, dass dabei nicht nur die nostalgischen Anfänge, sondern vor allem auch die Zeit des Nationalsozialismus kritisch hinterfragt wird. Und da kommen doch ziemlich spannende Dinge zur Sprache. In der Zeit des Austrofaschismus wurde der Rundfunk Propagandaorgan, im Nationalsozialismus – wie Vorarlberg – an den Reichssender München angeschlossen. In den späteren Kriegsjahren schickte Gauleiter Franz Hofer seine Durchhalteparolen über den Sender.

Nach dem Nationalsozialismus wurden viele Parteigänger nahtlos übernommen, es gab, laut Kapferer „personelle Kontinuitäten“, Opfer und Täter begegneten sich im Gang des Studios. Besonderes Beispiel ist der Komponist Sepp Tanzer, der für Gauleiter Hofer einen Marsch komponiert hatte – und nach dem Krieg Leiter des Referats für Volksmusik wurde. Oder der nach dem Krieg eingesetzte Intendant Josef Scheidle, der in der NS-Zeit Chefredakteur des Tiroler Landboten gewesen war. Es gäbe weitere Beispiele, die in dieser umfangreichen Aufarbeitung des ORF Tirol zu nennen wären.

Was das alles mit Vorarlberg zu tun hat? Eigentlich nichts. Außer einem Vergleich: Hierzulande hat man das 50-Jahr-Jubiläum als Jubelfeier veranstaltet, man hat sich vor allem selbst gelobt und die eigene, vermeintlich große Leistung in den Mittelpunkt gestellt. Und nicht zuletzt hat man im ORF Vorarlberg eine sündteure Fernsehshow geboten mit sogenannten, aber eher vermeintlichen Stars, die an Peinlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Eines ist sicher: Diese komische Unterhaltungssendung zur besten Sendezeit hat sicher mehr gekostet als die Studie in Tirol. Gebracht aber hat sie nichts, während Tirol ein Beispiel geliefert hat, wie man ein Jubiläum auch begehen kann. Nämlich schlichtweg gescheiter.

„Die Feiern verliefen unterschiedlich, in Tirol anders als in Vorarlberg.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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