Wie Rotzfressen in der Öffentlichkeit

Kultur / 13.01.2023 • 16:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das glückliche GeheimnisArno Geiger, Hanser Verlag, 240 Seiten

Das glückliche Geheimnis

Arno Geiger, Hanser Verlag, 240 Seiten

Geiger erzählt in seinem neuen Roman auch von Selbstzweifeln.

Biografie Der neue autobiografische Text von Arno Geiger ist wie Freunde von früher wieder treffen. Solche, die man lange nicht gesehen hat und mit denen man nun gemütlich im Wohnzimmer sitzt bei einem Glas Rotwein und Erdnüssen. Und so verrät einer: „Es gibt dunkle Geheimnisse und es gibt glückliche Geheimnisse. Mein glückliches Geheimnis bestand 25 Jahre lang darin, dass ich in Wien ausgedehnte Streifzüge machte und die an den Straßen für Altpapier stehenden Behältnisse erkundete auf der Suche nach für mich Interessantem.“ Geiger empfindet sein Tun als Tabubruch „wie Rotzfressen in der Öffentlichkeit“. Um dann im Laufe seines Rückblicks, auch auf seine Autorenkarriere, festzustellen, dass ohne Zugang zu Alltagstexten, wie der Wolfurter sie im Altpapier fand, er sein Leben schlechter gelebt hätte.

Nicht nur weil das Gefundene, das anschließend auf dem Flohmarkt verkauft wurde, geholfen hat, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Auch weil Geiger seine Bücher „Es geht uns gut“ oder „Unter der Drachenwand“ nicht in der Form geschrieben hätte, in der sie erschienen sind. „Beim Schreiben bewege ich mich in einem Erfahrungsraum, dessen hinterste Winkel mir die gefundenen Briefe und Tagebücher ausgeleuchtet hatten.“ Auch für seinen Roman „Unter der Drachenwand“ las der Autor an die 20.000 Briefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. „Die Lektüre von unmittelbaren, nicht literarischen Lebensäußerungen hat es mir ermöglicht, Menschen näherzukommen, ohne ihnen gegenüberzutreten.“ In „Das glückliche Geheimnis“ erzählt Arno Geiger auch von Selbstzweifeln und einem Burn-out, von seinen Eltern, von Liebschaften und dem Auf und Ab einer Beziehung, die alle Krisen nicht nur übersteht, sondern durch sie noch gefestigt wird. „Diese Offenheit passiert mir nicht einfach, ich entscheide mich bewusst für sie, weil ich glaube, dass sie das Leben sichtbar macht“, schreibt er. „Das ist es, worum es mir in der Literatur geht: das Leben sichtbar und dadurch verständlicher machen. Ich versuche, meinen Verpflichtungen als Schriftsteller nachzukommen.“

Das Buch, in dem man dem Schriftsteller Geiger so nahe kommt, als säße ein guter alter Freund im Wohnzimmer, der einen an seinem Leben teilhaben lässt, kommt einer intimen Selbstentblößung nahe. Es verändert die Sicht auf den Autor, keinesfalls im negativen Sinn. Vielmehr machen die Geständnisse, aber auch die Misserfolge den Menschen dahinter sichtbar. Aus dem unnahbaren Autor wird ein Charakter mit Stärken und Schwächen und geformt vom Leben und der individuellen Lebenserfahrung. Und ist dann die Flasche Rotwein leer, die Erdnüsse aufgegessen und die Nacht verquasselt, erhebt sich der Freund vom Sofa mit den Worten: „Der Gegenstand ist beinahe erschöpft, und so auch ich. Ich bin jetzt am Grund. Es ist alles geborgen. Rasch weiter!“

Wir sehen uns zwischen den nächsten Buchdeckeln. Mal sehen, was bis dahin wird. CRO

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