Wohin mit den Funkenhexen?

Kultur / 02.02.2024 • 17:20 Uhr
Wohin mit den Funkenhexen?
Den ehemals als Hexen verbrannten Personen wurde über viele Generationen hinweg ein würdiges Gedenken verwehrt. BÖHRINGER FRIEDRICH/WIKIPEDIA.

Ansichten zu einem umstrittenen Brauchtum von Manfred Tschaikner.

Schwarzach Die Verbrennung von Hexenfiguren auf den Funken entfacht alljährlich Diskussionen, in denen stets dieselben Argumente in verschiedenen Versionen und Kombinationen vorgebracht werden. Der Großteil der Brauchtumspfleger und Besucher des Funkenbrennens zeigt jedoch grundsätzlich kein Interesse an Debatten über den Sinn von symbolischen Hexenverbrennungen. Für sie stehen Spaß und Unterhaltung im Vordergrund. Alles andere interessiert sie wenig. Für andere Brauchtumspfleger und Besucher zählen die Hexen auf den Funken zu einer seit vielen Generationen bewusst gepflegten Tradition, von der sie nicht abweichen wollen. Ihres Erachtens verlöre das althergebrachte Jahrzeitbrauchtum dadurch ein wesentliches Element, auf das sie keinesfalls verzichten möchten. Die Argumente gegen weitere Verbrennungen von Funkenhexen, die man wie folgt in vier Kategorien zusammenfassen kann, überzeugen sie nicht.

Viele Menschen lehnen Gewalt ab, auch symbolische Gewalt wie die Verbrennung von Funkenhexen.<span class="copyright">Thomas Loß/Wikipedia</span>
Viele Menschen lehnen Gewalt ab, auch symbolische Gewalt wie die Verbrennung von Funkenhexen.Thomas Loß/Wikipedia

1. Geschlechterkampf

Manche Feministinnen betrachten die jährlichen Verbrennungen von Frauenfiguren auf den Funken als einen verabscheuungswürdigen Ausdruck der patriarchalen Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. Dabei steht der Geschlechterkampf im Vordergrund, denn dieselben Mittel, die sie beim Gegner kritisieren, werden von ihnen beim Kampf gegen die Vorherrschaft des Mannes als legitim betrachtet und angewandt. So finden sich auf feministischen Internetseiten zum Beispiel zahlreiche Werbeanzeigen für Artikel wie Bücher, T-Shirts oder Kerzen mit der Aufforderung „Verbrennt das Patriarchat“ oder „Das Patriarchat muss brennen“. Die Abbildung – wohl männlicher – Skelette in den Flammen verdeutlicht, dass im Dienst der vermeintlich guten Sache nicht nur ein abstraktes Gedankengebilde, sondern Menschen vernichtet werden sollen – natürlich nicht richtig, wie bei den Funkenhexen. Die Verbrennungen von menschlichen Figuren werden also nicht grundsätzlich, sondern nur beim eigenen Geschlecht abgelehnt. Die Klagen von Vertretern dieser Einstellung beeindrucken die Anhänger des traditionellen Funkenbrauchtums verständlicherweise nicht.

Hexen wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Funken angebracht, um damit dem nachlassenden öffentlichen Interesse am Brauchtum entgegenzuwirken.<span class="copyright">Markus Häusler/Wikipedia</span>
Hexen wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Funken angebracht, um damit dem nachlassenden öffentlichen Interesse am Brauchtum entgegenzuwirken.Markus Häusler/Wikipedia

2. Mitgefühl und “Cancel Culture”

Viele Menschen lehnen Gewalt jedoch grundsätzlich ab, auch symbolische Gewalt wie die Verbrennung von Funkenhexen oder die des Patriarchats. Sie fühlen sich durch die Vernichtung von Stoffpuppen erschreckt, emotional verletzt oder sogar traumatisiert. Da sie nicht gezwungen waren, an den Hexenverbrennungen teilzunehmen, blieben sie ihnen entweder fern oder suchten Funkenfeste auf, bei denen keine Hexen in den Flammen aufgingen. Solche Lösungen sind heute nicht mehr zeitgemäß. In den letzten Jahrzehnten haben sich – parallel zum Aufkommen des neoliberalen Kapitalismus, der alle Bindungen als Markthemmnisse erachtet, die „dekonstruiert“ und eliminiert werden müssen – postmoderne Theorien der Dekonstruktion entwickelt, denen traditionelle Denkmuster generell als Machwerk der Mächtigen und Ausdruck der Unterdrückung von Unterprivilegierten gelten. Damit erweitert sich die Ablehnung der symbolischen Hexenverbrennungen von einer persönlichen Empfindung zu einer moralisierenden Pflicht, sich für alle Arten von Verfolgten einzusetzen, zu Empörung über deren Schicksal und zur Forderung, historisches Unrecht auf allen Ebenen wiedergutzumachen. Aus der Sicht der „Cancel Culture“ können symbolische Hexenverbrennungen in letzter Konsequenz mit Straftatbeständen wie Volksverhetzung, Aufruf zu Gewalt oder Ähnlichem in Verbindung gebracht werden. Dabei stellt sich die rechtspolitische Frage, ob für eine Straftat das subjektive Gefühl des Betroffenen, beleidigt worden zu sein, ausreicht oder ob die Absicht des Gegners das entscheidende Kriterium bildet. Die Spaltung der Gesellschaft vertieft sich jedenfalls im gleichen Maß, wie Subjektivität und Gefühle zu Lasten objektiver oder intersubjektiver Kriterien an Bedeutung gewinnen.

Die Hexe bildet bereits seit vielen Generationen einen für viele Leute unabdingbaren Teil des Brauchtums.<span class="copyright">böhringer friedrich/wikipedia</span>
Die Hexe bildet bereits seit vielen Generationen einen für viele Leute unabdingbaren Teil des Brauchtums.böhringer friedrich/wikipedia

3. Geschichte

Objektiv betrachtet lässt sich feststellen, dass Hexen ursprünglich nicht Teil des Funkenbrauchtums waren, ja dessen früherem Zweck sogar diametral widersprechen: Aus einer Wiederauferstehungsfeier der frühlinghaften Natur wurde eine Hexenhinrichtung, die man landläufig als Vertreibung des Winters auslegt. Hexen wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Funken angebracht, um damit dem nachlassenden öffentlichen Interesse am Brauchtum entgegenzuwirken. Die Umgestaltung der Funkenbrände zu einer Hexenverbrennung nach dem Muster der damals allseits bekannten Märchen der Gebrüder Grimm ermöglichte es, das Brauchtum in größerem Stil, wenn auch mit verändertem Grundcharakter, ins 20. Jahrhundert zu retten. In Vorarlberg wurde es in der neuen Form sogar zu einem wesentlichen Bestandteil der Landesidentität. Die Hinzufügung der Stoffhexe erfüllte anfänglich dieselbe Funktion wie heute oft der Einsatz von Feuerwerken oder anderer technischer Mittel. Dennoch bildet sie bereits seit vielen Generationen einen für viele Leute unabdingbaren Teil des Brauchtums.

Das Verbrennen von Hexenfiguren auf dem Funken sorgt jedes Jahr aufs Neue für Diskussionen.  <span class="copyright">wikipedia</span>
Das Verbrennen von Hexenfiguren auf dem Funken sorgt jedes Jahr aufs Neue für Diskussionen. wikipedia

4. Pietät

In diesem Zusammenhang gilt es jedoch zu bedenken, dass sich das Wissen über die historischen Hexen und Hexenverbrennungen in den letzten anderthalb Jahrhunderten stark erweitert hat. Als man die böse Märchenhexe der Gebrüder Grimm als Funkenattraktion adaptierte, dominierte sie das zeitgenössische Hexenbild. Von den realen Hexenverfolgungen war zu dieser Zeit in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt. Das änderte sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts, als Teile der Bevölkerung zunehmend für das Unrecht sensibilisiert wurden, das zehntausende Menschen aus heutiger Sicht erlitten.
Bereits in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts kritisierte der spätere Vorarlberger Landeshistoriker Benedikt Bilgeri die Tatsache, dass bei den Hexenverbrennungen auf den Funken die Nachfahren freudig die Verbrennung ihrer Vorfahren feierten. Im Gegensatz zu den verfolgten Juden oder den Sinti und Roma wurde den ehemals als Hexen verbrannten Personen über viele Generationen hinweg ein würdiges Gedenken verwehrt. Unabhängig von tiefgreifenderen moralischen Überlegungen verdient aber auch diese große Gruppe von vielfach unschuldig Verfolgten wenigstens eine pietätvolle Erinnerung. Das Gegenteil ist der Fall, wenn Figuren mit ihrem Namen und mit ihrem vermeintlichen Aussehen wie vor Hunderten von Jahren als Inbegriff des Bösen und Negativen unter großer Begeisterung verbrannt werden, als ob solche Hinrichtungen nie Realität oder selbst aus heutiger Sicht berechtigt gewesen wären.

Der weltweit höchste Funken stand in Lustenau. <span class="copyright">Asurnipal/Wikipedia</span>
Der weltweit höchste Funken stand in Lustenau. Asurnipal/Wikipedia

Die vorliegenden Erläuterungen eröffnen im Wesentlichen drei Möglichkeiten für den künftigen Umgang mit der Funkenhexe. Die erste besteht darin, dass die Brauchtumspfleger die seit dem 19. Jahrhundert zur Tradition gewordenen jährlichen Hexenverbrennungen fortsetzen. Neben der Gewohnheit spricht dafür die anhaltend hohe Nachfrage in der Bevölkerung. Mit den weiterhin praktizierten Hexenverbrennungen setzen sich die Funkenzünfte auch gegen den als destruktiv empfundenen Zeitgeist zur Wehr. Man will sich keiner „Cancel Culture“ beugen. Für die Funkenzünfte repräsentieren Funkenhexen lediglich Figuren aus Grimms Märchen, die nicht mit den historischen Hexenhinrichtungen in Verbindung gebracht werden sollen. Aufgrund ihrer äußeren Form und der Bezeichnung der verbrannten Figuren wird diese Forderung jedoch stets umstritten bleiben.
Der Widerstand der Gegner von Hexenverbrennungen auf den Funken führt in anderen Fällen dazu, dass die menschenähnlichen Figuren unkonventionell verändert oder dass sie durch symbolhafte Gegenstände ersetzt werden. Eine Lösung, die einen radikalen Bruch mit der jüngeren Tradition vermeidet, wird seit Beginn des 21. Jahrhunderts in Bludenz praktiziert, wo die im 20. Jahrhundert vorherrschende Form des Funkenbrennens mit einer Hexe einst ihre idealtypische Ausformung gefunden hat. Die örtliche Funkenzunft verbrennt nur mehr eine einfach gestaltete Strohfigur ohne menschliche Züge und ohne Bezeichnung als Hexe. Dies hat dem Funkenbrauchtum keinen Abbruch getan, im Gegenteil: Es besteht keine leidige Assoziation mehr zu den historischen Hexenverbrennungen.

Für die Funkenzünfte repräsentieren Funkenhexen lediglich Figuren aus Grimms Märchen.<span class="copyright">Risch Lau/volare</span>
Für die Funkenzünfte repräsentieren Funkenhexen lediglich Figuren aus Grimms Märchen.Risch Lau/volare

Brauchtumspfleger, die tatsächlich eine „uralte Tradition“ bewahren wollen, verzichten aus historischen Gründen auf jeglichen Zusatz zu den Funkenfeuern. Die Rückkehr zur urtümlichen Form des Funkens ohne Hexe stellt sie allerdings vor die anspruchsvolle Aufgabe, die ursprüngliche Funktion dieses Brauchtums auf eine Weise zu vermitteln, die auch für ein breites Publikum verständlich ist. Dies erfordert seine Bereitschaft, sich mit archaischen Vorstellungswelten auseinanderzusetzen, die heute oft schwer nachvollziehbar sind. Welche der drei Varianten von Funken sich langfristig am stärksten durchsetzen wird, ist schwer abzuschätzen. Ich vermute die zweite.

Manfred Tschaikner