Raumwirkung und Klangarchitektur

Das CSM präsentiert in Götzis Heinrich Ignaz Franz Bibers “Missa Salisburgensis”.
Götzis Das Concerto Stella Matutina (CSM) gestaltet sein Jubiläumsjahr programmatisch facettenreich. Nach einem Händel-Abend mit der Chorakademie Vorarlberg, dem Debüt im Wiener Musikverein mit Monteverdis Marienvesper und einem ersten Abonnementkonzert, das dem barocken Wien gewidmet war, setzt das Ensemble im zweiten Konzert dieser Reihe am 9. und 10. Mai einen weiteren Akzent. Auf dem Programm steht Heinrich Ignaz Franz Bibers “Missa Salisburgensis à 53 voci”, eine der umfangreichsten und wirkungsmächtigsten Messvertonungen des 17. Jahrhunderts – und eine selten realisierte Mehrchörigkeit. Vermutlich anlässlich der 1100-Jahr-Feier des Erzbistums Salzburg im Jahr 1682 komponiert, ist das Werk für acht räumlich getrennte Chöre geschrieben. Diese Kombination von Vokal- und Instrumentalgruppen war im Salzburger Dom nicht nur architektonisch motiviert, sondern hatte direkte Auswirkungen auf Klangbalance, zeitliche Verschiebung und kompositorische Organisation. Biber steht damit in der Tradition venezianischer Raumklangexperimente, wie sie etwa von Giovanni Gabrieli begründet wurden, führt diese aber in eine bisher nicht gekannte Dimension weiter.

Für CSM-Dirigent Thomas Platzgummer, der bei Nikolaus Harnoncourt und Christoph Coin studierte, bedeutet das Projekt eine Rückkehr zu einem Repertoire, das sowohl historisch als auch aufführungspraktisch anspruchsvoll ist. Neben 16 Solistinnen und Solisten kommen zehn Trompeten, Pauken, Zinken, Posaunen, Oboen, Blockflöten, Dulzian, Streicher und zwei Orgeln zum Einsatz – eine Besetzung, die in Vorarlberg selten zu hören ist. Platzgummer leitet auch eine Celloklasse und das Sinfonieorchester am Johann-Joseph-Fux-Konservatorium in Graz und bringt viel Erfahrung mit großen Konzertprojekten mit. Eine historisch informierte und klanglich strukturierte Interpretation ist zu erwarten. Die Aufführung der Missa Salisburgensis, die nach Bibers Tod für Jahrhunderte in Vergessenheit geriet und erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, ist in mehrfacher Hinsicht ein Ereignis mit Seltenheitswert – nicht nur wegen der musikalischen Qualität, sondern auch wegen der logistischen Anforderungen. „Es ist gut möglich, dass diese Vorarlberger Erstaufführung für uns und das Publikum die einzige Gelegenheit ist, dieses Werk in unserem Leben zu entdecken“, sagt Bernhard Lampert, Initiator, Manager und Ensemblemitglied des CSM.
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Ergänzt wird das Programm durch Werke von Antonio Bertali, Pavel Vejvanovsky und Anton Bruckner. Es spannt damit einen Bogen vom österreichischen Hochbarock bis zur Romantik. Weitere Aufführungen finden am 17. Mai im Brixner Dom und am 18. Mai in der Pfarrkirche Schlanders statt.
Seit seiner Gründung im Jahr 2005 hat sich das Vorarlberger Barockorchester Concerto Stella Matutina einen festen Platz unter den führenden Originalklangensembles Österreichs erspielt. Künstlerischer Nabel ist die eigene Abonnement-Reihe im Kulturzentrum AmBach in Götzis, wo seit 2008 mehr als 80 verschiedene Programme abseits des Mainstreams entstanden, die zum Teil vom Ensemble selbst oder mit interessanten Gästen erarbeitet wurden.Die kontinuierliche Suche nach „neuer“ Alter Musik, die Vertiefung der aufführungspraktischen Expertise, aber auch experimentelle, genreübergreifende Projekte liegen dem Ensemble besonders am Herzen.