Perfekt sichtbar werden

Kultur / HEUTE • 13:09 Uhr
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Die anerkannte Bildhauerin Heike Schaefer zeigt in der Holzwerstatt in Hittisau ihre Werke. Markus Faißt

Die Bildhauerin Heike Schaefer zeigt ihre Werke in der Holzwerkstatt von Markus Faißt.

Hittisau Manchmal braucht Kunst keinen neutralen Raum, keinen „White Cube“, keine stille, glatte Hülle, um zu wirken. Mitunter entfaltet sie ihre Präsenz erst dort, wo Material, Licht und Atmosphäre selbst eine Geschichte erzählen. Genau das geschieht bis zum 28. Februar in der Holzwerkstatt, in der die Münchner Bildhauerin Heike Schaefer unter dem Titel „Nexus“ Skulpturen und Installationen zeigt, die in diesem Umfeld eine besondere Klarheit gewinnen.
Die Arbeiten entfalten sich in der spezifischen Atmosphäre des Hauses: in fein abgestimmten Holzflächen, die das Licht nicht spiegeln, sondern aufnehmen und weiterleiten, sowie in einer von handwerklicher Präzision geprägten Raumgestaltung. Die Skulpturen wirken hier nicht wie ausgestellt, sondern wie selbstverständlich an ihrem Ort.

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Öffnungszeiten sind bis zum 28. Februar Freitag und Samstag von 15.00 bis 18.00 Uhr und nach Vereinbarung. Markus Faißt

Von der Decke hängt etwa die Arbeit „dance in black“, eine geschwungene Form, die Assoziationen an extravagante Hüte der Belle Époque zulässt und zugleich eine schwebende Leichtigkeit behauptet. „Leicht sollen meine Werke sein“, betont Heike Schaefer. Auch deshalb habe sie sich vom klassischen Bildhauermaterial Stein verabschiedet. Sie arbeite lieber additiv, füge hinzu und baue auf, anstatt Material abzutragen.

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Markus Faißt

Diese Haltung ist biografisch grundiert. Ihr Vater führte einen Verlag, sodass Papier, Karton und Wellpappe früh zu ihrer Alltagswelt gehörten. Ihre Mutter war Schneiderin, sodass Textilien ihren Blick prägten. Schaefer greift bis heute auf diese Materialien zurück, ergänzt sie um Weidenruten, Gips und Epoxidharz und färbt sie mit Graphit und Erdpigmenten. So entstehen in zurückhaltenden Farbtönen und organischen Formen Objekte, die an Pflanzen, Tiere oder archaische Steinformationen erinnern. Sie wirken fremd und sind zugleich fest im Irdischen verankert.

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Markus Faißt

„Viel Geduld ist nötig, um diese filigranen Strukturen zu formen“, erzählt Hausherr Markus Faißt, der die Künstlerin mehrfach in ihrem Atelier besucht hat. Jede Arbeit entstehe Schicht für Schicht mit großer Aufmerksamkeit für Material und Statik. Schaefer selbst relativiert diese Zuschreibung. Sie sei ungeduldig, sagt sie, und wenn sich eine Form erschöpft habe, lege sie diese beiseite, um vielleicht Jahre später wieder zu ihr zurückzukehren. So wachsen manche Arbeiten über lange Zeiträume, verändern sich und reifen. Doch Schaefer bleibt nicht beim Zarten. An mehreren Stellen der Ausstellung treten Brüche zutage. Eine Körperhülle schwebt über dem Abgrund einer Treppe, im kühlen Holzreifelager tropft papierenes Blut zwischen den Regalen, verharrt kurz über dem Boden und scheint in der Luft zu stehen. Solche Bilder prägen sich ein. Sie erinnern an die unauflösliche Nähe von Schönheit und Bedrohung, die in der Kunst immer wieder thematisiert wird.

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Markus Faißt

Gerade diese Spannung verleiht der Ausstellung ihre Kraft. „Unsere Räume sind keine neutrale Bühne“, sagt Faißt. „Sie tragen eine eigene Haltung in sich. Nicht jede Kunst funktioniert hier.“ Umso stimmiger sei es, wenn Arbeiten wie jene von Heike Schaefer sich so selbstverständlich mit dem Ort verbinden.

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Markus Faißt

Die Holzwerkstatt versteht sich seit Jahrzehnten als Ort, an dem Handwerk, Baukultur und ökologische Verantwortung zusammen gedacht werden. Ausstellungsgestaltungen mit hohem Ressourcenverbrauch werden bewusst vermieden. Es wird nichts eigens gebaut und auch nichts nach kurzer Zeit entsorgt. Der bestehende Alltag wird präzise justiert. In diesen Rahmen fügt sich die Kunst ein und wird Teil eines Dialogs, der nicht auf Effekte, sondern auf Wahrnehmung zielt.

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Markus Faißt

Wie erkennen wir das Schöne? Vielleicht nur, wenn wir uns Zeit nehmen. Die Holzwerkstatt von Markus und Gertrud Faißt ist ein solcher Ort. Ein Ort, an dem Kunst und Handwerk ineinandergreifen. Und ein Angebot an die Besucherinnen und Besucher, sich darauf einzulassen.