VN-Kommentar: An die Gewehre!
Es gibt Anlass, zurückzudenken an die wahrscheinlich schlimmste Zeit in meinem Leben. Es war vor gut einem halben Jahrhundert, als ich zum damals noch neun Monate dauernden Wehrdienst eingezogen wurde. Die Möglichkeit des Zivildienstes gab es damals noch nicht, wer nicht einrückte, wurde geklagt, im Regelfall auch verurteilt. Mit Vorstrafe, was für die weitere berufliche Orientierung, etwa ein Studium, das Ende bedeutete. Also trat ich an, erst sechs Wochen Grundausbildung in Landeck, den Rest als Schreiber in der Kompaniekanzlei in der Bregenzer Bilgerikaserne. Nie habe ich langweiligere, trostlosere Zeiten, nie dümmere Vorgesetzte – es gab in all der Zeit gerade einmal zwei Ausnahmen – erlebt. Gelernt habe ich in dieser Zeit nichts, verlernt vieles. Es gab kaum Arbeit in der Schreibstube, die wenige musste über den Tag zurückgehalten werden, denn wenn der “Spieß” ins Büro kam, dann musste der Anschein heftiger Beschäftigung erweckt werden. Ansonsten konnte der, auch recht häufig angeheiterte, Bürochef ziemlich unangenehm werden.
Die Hackordnung war einfach. Wenn der – nach Sternen auf der Schulter – Obere von weiter oben einen “Anschiss” kassiert hatte, dann gab er den an den nächstunteren – mit eben weniger Sternen – weiter. Dieser wieder an den unter ihm – und so weiter. Bis man auf der untersten Ebene angelangt war, dem, der als “Jäger” gerade Militärdienst leisten musste und noch keinen Stern hatte. Ich habe das an mir selbst, aber auch an vielen Kollegen erlebt. Die männliche Form dieser Erzählung ist deshalb angebracht, weil es in diesem System keine Frauen gab – und vielleicht war es genau deshalb so unerträglich.
Ich weiß nicht, wie die Dinge bei den jungen Wehrpflichtigen heute ablaufen, ob alles noch immer so sinnlos, ohne jedes Lernziel, ohne jede vernünftige Aufgabe zu Ende gebracht werden muss. Sollte das sein, dann halte ich jede Verlängerung des Grundwehrdienstes, wie sie derzeit diskutiert wird, für nahezu unerträglich. Einmal ganz abgesehen davon, dass mir nicht in den Kopf will, dass wir bei den Waffenkäufen massive Budgetsteigerungen haben, im Bildungs-, Sozial- und Kulturbereich aber nur Kürzungen. Und noch etwas kann ich nicht verstehen: Warum müssen Zivildiener, die doch gute Arbeit für die Allgemeinheit leisten, länger “dienen” als jene, die den Dienst an der Waffe lernen? Das gilt jetzt schon, soll sich auch in einem möglichen neuen System nicht ändern.
Und schließlich: Die Überlegung, auch Frauen in die Wehrpflicht einzubinden, scheint mir geradezu frivol. Solange wir nicht imstande sind, Frauen gleichen Lohn und gleiche Aufstiegsmöglichkeiten wie den Männern zu bieten, solange sollten wir solchen Diskussionen keinen Raum geben. Und das Wort Gleichberechtigung hat in diesem Zusammenhang keinen Platz, weil es auch auf anderer Ebene nicht angewandt wird. Wenn sie wollen, können Frauen jetzt schon zum Bundesheer – diese Freiheit genügt. Zwang geht hier gar nicht. Gerechtigkeit sollte sein – und die ist auf anderer Ebene zu erbringen.
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