Reinhard Haller mit neuem Buch: “Schweigen als Ausgrenzung ist das Schlimmste”

In seinem neuesten Werk “Toxisches Schweigen” wagt sich der Seelenkenner an ein brandaktuelles Thema.
Darum geht’s:
- Reinhard Haller thematisiert in neuem Buch toxisches Schweigen.
- Schweigen kann Ausgrenzung, Macht und emotionalen Stress verursachen.
- Gesellschaftliche Kommunikation leidet unter zunehmendem Schweigen.
Schwarzach Am Anfang war das Wort, heißt es im Johannes-Evangelium. Doch wenn Worte verschwinden, kommt das Schweigen. Das kann nicht nur wohltuend oder weise sein, sondern auch “toxisch”, sprich vergiftend. Das weiß niemand besser als Psychiater und Suchtexperte Reinhard Haller (74). In seinem neuesten Buch “Toxisches Schweigen”, das am 20. Jänner erscheint, wagt der renommierte Experte einen tiefen Blick in die Abgründe von Welten, in denen Worte schon längst verhallt sind.
Was hat Sie dazu veranlasst, sich mit dem Schweigen als destruktives Phänomen zu beschäftigen?
Haller Es waren Alltagsbeobachtungen, die mich unter anderem in meiner therapeutischen Arbeit auf dieses Thema gebracht haben. Paare, die sich betroffen und verschwiegen anschauen. Menschen, die über das Schweigen Fragen stellen. Es ist auch bei Vorträgen zu anderen Themen immer wieder eingeflossen. Hinzu kamen Erfahrungen aus der Welt der Kriminalität, des Verbrechens. Dort, wo sich psychologische Phänomene verdichten: Neid, Wut, aber eben auch die Problematik des Schweigens. Dass das Schweigen nicht nur positiv besetzt ist, sondern auch ein Problem sein kann. Dem wollte ich mich näher widmen.
In Ihrem Buch beschreiben Sie mehrere Formen des toxischen Schweigens. In welcher Gestalt ist Schweigen für Betroffene am schlimmsten?
Haller Die schlimmste Form des Schweigens ist das ausgrenzende Schweigen. Aus dem Grund, weil man dem anderen ja nicht nur Worte vorenthält. Die schweigende Person verhindert jede emotionale Resonanz, zeigt keine Mimik, kein Lächeln. Es gibt keinen emotionalen Flow. Wenn der unterbrochen ist, leiden Menschen am meisten. Dazu liefert auch die Hirnforschung Erkenntnisse. Etwa mithilfe des Cyberball-Experiments. Da spielen sich die Teilnehmer Bälle zu. Plötzlich wird einer der Teilnehmer ausgelassen. Bei dieser Person entwickelt sich daraufhin negativer Stress mit unglaublichen Aktivitäten in jener Hirnregion, die für negativen Stress zuständig ist. Ganz schlimm ist auch das bestrafende Schweigen. Dieses kommt vor allem in Partnerschaften und Familien vor. Selbst bei gestandenen Männern können da viele Jahre später schmerzliche Erinnerungen hochkommen.

Sie verwenden im Zusammenhang mit Schweigen häufig die Wortkombination “passiv-aggressiv”. Erklären Sie bitte diesen auf den ersten Blick widersprüchlichen Begriff genauer.
Haller Es gibt diese Verhaltensweisen des bösartigen, aggressiven Schweigens. Dieses ist an die Persönlichkeit gebunden, kein vorübergehendes Verhalten. Hinter dieser Art des Schweigens steckt ein hohes Maß an Aggressivität. Aus irgendwelchen Gründen trauen sich die Personen nicht, Probleme anzusprechen. Sie bauen um sich herum eine Mauer und schweigen. Wenn man solchen Menschen begegnet, merkt man, dass es in ihnen brodelt. Sie lassen womöglich zynische Bemerkungen rausrutschen, so sie überhaupt etwas reden. Es ist äußerst unangenehm, mit so einem Menschen zusammen zu sein.
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Wie können ursprünglich gesprächige Menschen plötzlich zu Schweigern werden?
Haller Indem sie resignieren. Aufgrund von langjährigen Erfahrungen bekommen sie das Gefühl: Ich kann tun, was ich will. Mein Partner redet einfach nicht mit mir. Nicht selten entwickelt sich daraus eine Art Schweigekrieg. Am Anfang schweigt der eine. Der spürt seine Macht. Dann schweigt der andere. Auf einen Schweigekrieg sich einzulassen, ist äußerst schwierig. Da ist der ursprünglich Schweigende überlegen. Aber es kann auch passieren, dass die zuerst angeschwiegene Person sich mit dieser Rolle abfindet und eine Art Gleichgültigkeit entwickelt. Das ist natürlich genauso verhängnisvoll für eine Partnerschaft.
Nimmt das Phänomen des toxischen Schweigens in unserer Gesellschaft zu?
Haller Ich glaube, dass diese Form des Schweigens in unserer Gesellschaft zunimmt. Man kann auf vielen Ebenen des Zusammenlebens offenbar nicht mehr miteinander reden: in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, in der großen Politik. Das ist ein Phänomen unserer Zeit, auch weil man gerne die Maske der Coolness präsentiert. Den modernen Formen der Kommunikation fehlt leider die emotionale Begleitung. Der gesellschaftliche Narzissmus nimmt zu, ebenso ist eine Unkultur der Beschämung, der fehlenden Wertschätzung zu beobachten.
Sind Männer oder eher Frauen die “toxischen Schweiger”?
Haller Es sind eher Frauen. Männer neigen zu primitiver, tätlicher Gewalt, Frauen zu emotionaler Gewalt. Sie beherrschen diese auch besser. Es ist für sie oft auch die einzige Möglichkeit, sich zu wehren. Ich will damit keine Schuldzuweisung vornehmen. Frauen haben vielleicht besser erkannt, welches Machtinstrument Schweigen darstellt. Ein Mann würde das auch weniger zugeben, weil es nicht unbedingt männlich ist. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber jemandem, der schweigt, erklären oft die tätlichen Aggressionen gegenüber Frauen. Ohne diese in irgendeiner Form zu entschuldigen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Angeschwiegene eigentlich keine Chance hat, beim Schweiger eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Was soll er/sie tun?
Haller Das Allerwichtigste für den Angeschwiegenen ist, dass er sich aus der Opferposition, aus seinen Schuldgefühlen befreit. Er soll sich auch das Wort nicht verbieten lassen. Er soll klarstellen, dass er mit anderen redet, dass Reden ein psychologisches Menschenrecht ist.
Schweigen kann Suizide auslösen. Wie oft mussten Sie diesen fatalen Ausgang einer Schweigesituation in Ihrer langjährigen Tätigkeit als Psychiater registrieren?
Haller Bei vollzogenen Suiziden kann ich nur Vermutungen anstellen. Sicher kann ich sagen, dass es aus diesem Grund mehrere Suizidversuche gab. Die Angeschwiegenen machen wirklich viel mit. Man kann sie sehr hart treffen. Kein Mensch kann auf Dauer mit Schuld- bzw. Ohnmachtsgefühlen leben. In meiner Beschäftigung mit rund 400 Tötungsdelinquenten in 43 Jahren musste ich darüber hinaus feststellen, dass Schweigen bei mehreren Femiziden der Auslöser für die Tat war.
Wann sollten bei Eltern die Alarmglocken läuten, wenn ihr Kind schweigt?
Haller Es gibt ein hängengebliebenes Trotzverhalten, das in der frühen Kindheit vorkommen kann. In der Regel wird das aber spätestens im Kindergarten beendet. Besonders ausgeprägt kann das Schweigen in der Pubertät sein. Man muss als Eltern mit den Kindern auf alle Fälle im Gespräch bleiben. Eine gewisse Gelassenheit ist da wichtig. Problematisch wird es, wenn dieses Verhalten über die Pubertät hinausgeht. Das könnte der Beginn einer jugendlichen Depression sein oder einer schwereren psychischen Störung. In diesem Fall ist professioneller Rat zu empfehlen.
“Toxisches Schweigen”:
Reinhard Haller: Toxisches Schweigen. Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen. Verlag NOW, 272 Seiten. Erscheinungstermin: 20. Jänner 2026.
Buchpräsentation
Wann? – Donnerstag, 29. Jänner 2026, 19 Uhr
Wo? – Buchhandlung Brunner Bregenz
Um Anmeldung wird gebeten: bregenz@brunnerbuch.at