Gewaltige Dimensionen am Bodensee

Mit einer Höhe von 25 Metern und einer Fläche von 700 Quadratmetern dominiert eine Spiegelwand die Seebühne.
Bregenz In der Montagehalle der Bregenzer Festspiele entsteht derzeit das Bühnenbild für Giuseppe Verdis „La traviata“. Während auf der Seebühne noch Winterruhe herrscht, arbeiten Werkstätten und Technikteams im Inneren des Festspielhauses an jenem zentralen Element, das die Seeproduktion in den Sommern 2026 und 2027 prägen wird: einer großformatigen Spiegelwand, die als szenisches und visuelles Zentrum der Inszenierung konzipiert ist. Nach Abschluss der statischen Grundkonstruktionen beginnt Ende Februar auf der Seebühne die nächste Bauphase. Dann wird die in der Montagehalle vorbereitete Spiegelwand installiert. An ihrer höchsten Stelle ragt sie über 25 Meter in den Himmel und wird das Bühnenbild weithin sichtbar bestimmen. Regisseur Damiano Michieletto und Bühnenbildner Paolo Fantin verlegen Verdis Oper in die 1920er Jahre. Sie zeichnen ein Umfeld aus gesellschaftlichem Überfluss und äußerer Eleganz, hinter dem Vereinsamung und innere Zerrissenheit stehen. Der zerbrochene Spiegel fungiert dabei als Bild für die innere Spannung der Pariser Kurtisane Violetta Valéry.

Was zunächst wie eine geschlossene Wand erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als komplexe Theatermaschine. Die Konstruktion muss erheblichen statischen Belastungen und Windkräften standhalten, umfasst zahlreiche bewegliche Elemente und dient zugleich als Projektionsfläche. Von Beginn an begleiteten Fragen der Statik, der Sicherheit beweglicher Bauteile und der langfristigen Belastbarkeit die Planung und Umsetzung. Ein bekanntes Element der letzten Seebühnenproduktion kehrt in veränderter Funktion zurück. Das Wasserbecken zwischen Bühne und Zuschauerraum, das bereits bei „Der Freischütz“ eine zentrale Rolle spielte, bleibt in seiner Grundform erhalten. In „La traviata“ wird es Teil eines spiegelnden Bühnenbodens und erweitert die Spielfläche nach vorne. Die Spiegelwand reflektiert sich im Wasser und schafft zusätzliche Raumeffekte, die das Bühnenbild optisch vervielfältigen.

Die Wand setzt sich aus 86 einzelnen Spiegelsplittern zusammen. Die größten Elemente messen über zwölf Meter in der Länge und bis zu zweieinhalb Meter in der Breite, die kleinsten rund 40 mal 20 Zentimeter. Zusammengesetzt entsteht das Bild eines zerborstenen Spiegels mit einer Gesamtfläche von rund 700 Quadratmetern. Mehr als die Hälfte dieser Fläche ist beweglich; während der Vorstellung können etwa 390 Quadratmeter aktiviert werden. Die Oberfläche dient zudem als großformatige Projektionsfläche für Filmausschnitte aus Violettas Leben, die im vergangenen Oktober unter der Leitung von Damiano Michieletto in Wien entstanden sind.

Gefertigt werden die Spiegelsplitter aus CNC-gefrästen Holzplatten, die mit bedrucktem Gewebe beklebt sind. Ihre scheinbar gläsernen Kanten entstehen durch grün lackierte Stegplatten, die mit Glühlampenlack behandelt werden und so den Eindruck scharf gebrochener Spiegelkanten erzeugen. Für die präzise Verklebung des Gewebes entwickelten die Festspieltechniker gemeinsam mit externen Partnern eine eigene Maschine. Sie trägt den Klebstoff gleichmäßig auf mehrere Quadratmeter große Flächen auf; erst nach exakter Positionierung wird der Zweikomponenten-Kleber mithilfe integrierter Heizstrahler aktiviert und dauerhaft fixiert.

Die Wahl eines speziellen Netzgewebes hatte mehrere Gründe. Es ist akustisch durchlässig, windstabil und besonders gut für Projektionen geeignet. Durch einen eingearbeiteten Silberfaden und die Struktur der Maschen bleibt das projizierte Bild auch für seitlich sitzende Zuschauer gut erkennbar. Hinter der Oberfläche befinden sich Holz, Lochblech sowie rund hundert unauffällig integrierte Lautsprecher. “Viele Tests, viel Tüftelei, einige schlaflose Nächte, aber am Ende steht etwas, das wie ein Spiegel wirkt, technisch funktioniert und den künstlerischen Ansprüchen gerecht wird”, fasst es Susanne Boehm, die Ausstattungsleitern der Bregenzer Festspiele, zusammen.
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Festspielintendantin Lilli Paasikivi beschreibt den zerbrochenen Spiegel als Bild für Violettas inneres Leben und für eine Gesellschaft, in der äußere Erscheinung zur zentralen Währung wird. Am Ende bleiben der Protagonistin Krankheit und die Sehnsucht nach einem einfachen, selbstbestimmten Leben. Diese Gegensätze lassen sich auf der Seebühne sichtbar machen. So entsteht eine wandelbare Bühne, die technische Präzision und szenische Klarheit verbindet. Bereits Monate vor der Premiere zeichnet sich ab, welche Dimensionen „La traviata“ in Bregenz annehmen wird.