Hundert Jahre Konzentration: György Kurtág zum Geburtstag

Kultur / 18.02.2026 • 14:14 Uhr
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György Kurtág zählt zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart.APA-IMAGES/AFP/ATTILA KISBENEDEK

Seine Musik ist oftmals leise, kompromisslos und von seltener geistiger Klarheit.

Budapest Am 19. Februar 1926 wurde György Kurtág in Lugoj im damaligen Rumänien geboren, in einer Region, in der sich Sprachen, Kulturen und politische Systeme überlagerten und ein empfindsames Ohr früh lernte, Zwischentöne wahrzunehmen. Ein Jahrhundert später gilt Kurtág als einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart, als Meister der Verknappung, als Künstler, der mit wenigen Tönen ganze Erfahrungsräume öffnet und dessen Werk sich jeder Oberflächlichkeit konsequent entzieht.

Seine Ausbildung führte ihn nach Budapest an die Franz Liszt Akademie, wo er unter anderem bei Sándor Veress studierte und die Bekanntschaft György Ligetis machte. Doch der entscheidende Einschnitt erfolgte Ende der fünfziger Jahre in Paris. Eine künstlerische und persönliche Krise brachte ihn an den Rand des Verstummens, ehe ihm die Begegnung mit der Psychologin Marianne Stein half, einen neuen Zugang zum Komponieren zu finden. Aus dieser Phase ging jene radikale Konzentration hervor, die sein Schaffen prägen sollte: Musik als Essenz, als Fragment, als verdichtete Geste.

Kurtágs Stücke sind häufig Miniaturen, musikalische Aphorismen von wenigen Sekunden Dauer, in denen jedes Intervall, jede Pause, jede dynamische Schattierung Gewicht erhält. Die Sammlung „Játékok“ für Klavier, seit den siebziger Jahren fortlaufend erweitert, wirkt wie ein klingendes Tagebuch, das zwischen kindlicher Neugier, Trauer, Ironie und existenzieller Schwere oszilliert. Auch die „Kafka-Fragmente“ für Sopran und Violine oder die „Botschaften der verstorbenen R. V. Troussova“ zeigen seine Fähigkeit, Sprache in eine nervöse, hochkonzentrierte Klangrede zu überführen.

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Dabei steht Kurtág in der Tradition der Zweiten Wiener Schule ebenso wie in jener Béla Bartóks, dessen Sinn für strukturelle Klarheit und emotionale Präzision nachwirkt. Doch jede Anlehnung wird bei ihm zur persönlichen Handschrift, geprägt von Zurückhaltung und einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Überflüssigen. Seine Partituren wirken oft wie handschriftliche Bekenntnisse, in denen der Notentext beinahe verletzlich erscheint. Interpreten berichten von intensiven Probenphasen, in denen Kurtág an kleinsten Nuancen feilt, Atembögen korrigiert und Klangfarben präzise austariert, als hinge an jedem Detail die Wahrheit des ganzen Stücks.

Lange mied Kurtág die große Form. Umso überraschender war 2018 die Uraufführung seiner Oper „Fin de partie“ nach Samuel Beckett an der Mailänder Scala, ein Alterswerk von erstaunlicher Konsequenz, das die Themen Vergänglichkeit, Abhängigkeit und Sprachskepsis in eine karge, eindringliche Klanglandschaft überführt. Auch hier bleibt er seinem Prinzip treu: kein Pathos, keine demonstrative Geste, vielmehr ein konzentriertes Lauschen auf das, was zwischen den Worten geschieht.

Mit hundert Jahren lebt György Kurtág zurückgezogen, geehrt von den wichtigsten Institutionen der Musikwelt. Sein Werk erinnert daran, dass Intensität nicht aus Lautstärke entsteht, dass Größe sich im Kleinen offenbaren kann und dass Musik, auf das Wesentliche reduziert, eine Wahrhaftigkeit erreicht, die über Generationen hinweg Bestand hat.