Eine “ghörige Stube” für Bregenz

Kultur / 04.03.2026 • 12:31 Uhr
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Mit der „Ghörigen Stube*” schafft das vorarlberg museum einen neuen Ort des Verweilens.Sarah Mistura

Ein neuer Auststellungsraum im vorarlberg museum lädt zum Verweilen ein.

Bregenz Eine Stehlampe scheint bis unter die Decke zu wachsen, das Sofa wirkt wie aus einem Märchen entsprungen und ist großzügig genug für eine ganze Schulklasse. Auf der breiten Ofenbank ließe sich problemlos ein gemeinsamer Mittagsschlaf halten. Auf 150 Quadratmetern entfaltet sich eine Welt zwischen „Alice im Wunderland” und vertrauter Wohnstube: humorvoll überzeichnet, zugleich warm und einladend. Mit der „Ghörigen Stube*” schafft das vorarlberg museum einen neuen Ort des Zusammenseins und Verweilens, der die traditionelle Stube neu interpretiert.

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Der Ausstellungsraum lädt dazu ein, Platz zu nehmen, zu lesen, zu spielen, zu stricken oder zu plaudern.Sarah Mistura

Der Dialektausdruck „ghörig” hat viele Bedeutungen. Das Sternchen erweitert ihn gedanklich: weg von moralischen Zuschreibungen oder der Frage, wer „dazugehört“, hin zu einem offenen Verständnis von Verbundenheit, Vielfalt und Zugänglichkeit. Die „Ghörige Stube*” ist kein klassischer Ausstellungsraum, der Distanz erzeugt und die Betrachtung lenkt. Sie lädt dazu ein, Platz zu nehmen, zu lesen, zu spielen, zu stricken, zu reden oder einfach den Blick über die Dächer der Bregenzer Altstadt schweifen zu lassen. Als „Dritter Ort“ neben Zuhause und Arbeitsplatz setzt das Museum ein bewusstes Zeichen. In einer Zeit, in der Begegnungen oft digital vermittelt werden und der Alltag von Tempo geprägt ist, entsteht hier ein Raum für Gemeinschaft ohne Konsumzwang. Der Eintritt ist frei, ebenso die Teilnahme an sämtlichen Programmen. Die Stube richtet sich an Einheimische ebenso wie an Zugezogene, an Touristinnen und Touristen, an Museumsbesucherinnen, Mitarbeitende oder Nachbarinnen und Nachbarn. Wer kommt, gestaltet mit.

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Sarah Mistura

Handarbeitsmaterial, Brettspiele, Museumspublikationen und Bücher liegen bereit. Die Gastgeberinnen und Gastgeber laden regelmäßig zu unterschiedlichen Formaten ein. Den Auftakt des Frühjahrsprogramms bildet am Donnerstag, dem 5. März, ein Tischgespräch unter dem Motto „Alle Karten auf den Tisch“. Gemeinsam werden Zeichnungen von Gesine Probst-Bösch erkundet. Im Mittelpunkt steht nicht das flüchtige Betrachten eines Kunstwerks für 15 Sekunden, sondern das bewusste Verweilen: anschauen, drehen, Gedanken aussprechen, ins Gespräch kommen. Kuratorin Kathrin Dünser begleitet den Abend, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

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Sarah Mistura

An mehreren Sonntagen im Frühjahr verwandelt sich die Stube in einen Spielsalon. Beim Spiele-Nachmittag können Kinder ab acht Jahren, Familien oder erfahrene Strateginnen und Strategen neue Brettspiele ausprobieren. Gespielt wird gemeinsam, ungezwungen und generationenübergreifend. Am 2. April präsentiert sich der Liederkranz Frohsinn traditionsbewusst und zugleich augenzwinkernd. Mit Gitarren, Geigen, Akkordeon und einer Sammlung von über 300 Liedern reicht das Repertoire von „Heißer Sand” über David Bowie bis zu Dialektklassikern und historischen Chansons. Das Publikum bestimmt per Seitenzahl, was erklingt.

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Sarah Mistura

Am 9. April folgt das Eröffnungsfest mit DuoLia und Wieland Alge, dessen Format „www – Wieland weiß warum“ künftig fester Bestandteil des Programms sein wird. Fragen sind ausdrücklich erwünscht, das Internet darf pausieren.

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Sarah Mistura

Mit dem dreijährigen Pilotprojekt, initiiert von Christina Jacoby und Kathrin Dünser, erweitert das vorarlberg museum sein Selbstverständnis. Das Raumkonzept setzt auf Übergröße als Einladung zur Perspektivverschiebung.Die Ghörige Stube* ist damit mehr als ein Raum. Sie ist ein Versprechen. Hier darf Zeit sich dehnen, Begegnung entstehen – und vielleicht fühlt sie sich, wie ein Eintrag im Besucher:innenbuch festhält, tatsächlich plötzlich ganz leicht an.