Zwischen Stille und Erschütterung

Kultur / 06.03.2026 • 11:20 Uhr
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Giorgi Gigashvili erhielt zum Ende des Programms Standing Ovations, die er sich redlich verdient hatte.Andreas Marte

Giorgi Gigashvilis Klavierrecital im Kulturhaus Dornbirn führte von Mendelssohn zu Ustwolskaja.

Dornbirn Ein Klavierabend ist ein Wagnis. Der Pianist steht allein vor Publikum und Werk, ohne orchestralen Schutz, ohne szenische Ablenkung. Giorgi Gigashvili, der im Rahmen von Dornbirn Klassik am Donnerstagabend im Kulturhaus Dornbirn gastierte, ist keiner, der dieses Risiko scheut. Im Gegenteil: Er sucht es. Der 2000 in Tiflis geborene Georgier hat sich früh als eigenwilliger Künstler profiliert. Seine Ausbildung in Tiflis und Hamburg, Wettbewerbserfolge in Vigo, Bad Kissingen und Zürich markieren Stationen einer steilen Laufbahn. Doch es sind nicht die Preise, die ihn auszeichnen, sondern seine Haltung am Instrument. Gigashvili ist ein Denker, ein Suchender, keiner, der sich mit pianistischem Glanz zufriedengibt. Seine Interpretationen sind strukturell gedacht, rhythmisch geschärft, oft von asketischer Strenge. Romantisches Pathos meidet er.

Lieder ohne Worte

Der Beginn des Abends wirkte allerdings überraschend verhalten. In Schumanns Arabeske op. 18 fehlte zunächst jene innere Spannung, die dieses scheinbar lichte Werk trägt. Die melodischen Bögen blieben korrekt geformt, doch der fragile Wechsel zwischen Anmut und unterschwelliger Melancholie stellte sich erst zögernd ein. Auch Clara Schumanns Variationen op. 20 wirkten anfangs eher analytisch als beseelt. Gigashvili legte die Struktur frei, modellierte sorgfältig die Kontraste der einzelnen Charakterstücke, doch die emotionale Wärme blieb reserviert. Erst mit Mendelssohns „Liedern ohne Worte“ op. 19 erreichte der Pianist sein Niveau. Hier fand er zu jener Balance aus Klarheit und innerer Bewegung, die sein Spiel auszeichnet. Die gesanglichen Linien atmeten frei, ohne sentimentale Überdehnung. Transparenz und Fluss verbanden sich organisch. Auch Fanny Hensels Lieder ohne Worte profitierten von dieser Konzentration: Die rhythmischen Pointierungen erhielten Kontur, die harmonischen Kühnheiten traten schärfer hervor. Gigashvili zeigte hier Sinn für Differenzierung und architektonische Linie.

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Der Georgier wurde im Jahr 2000 in Tiflis geboren. andreas marte

Der zweite Teil des Abends führte in radikalere Klangwelten. Dmitri Schostakowitschs Zweite Klaviersonate op. 61 geriet zum eigentlichen Wendepunkt. Gigashvili schärfte die kantigen Motive, ließ Ironie und Bitterkeit ungeschönt nebeneinanderstehen. Besonders im Finale entwickelte sich eine insistierende Energie, die das Werk aus dem Schatten des Klassizistischen herausholte. Hier blitzte jene kontrollierte Intensität auf, die man von ihm kennt.
Zum Höhepunkt wurde jedoch Galina Ustwolskajas sechste Sonate, ein radikales, asketisches Werk, das mit blockhaften Akkorden und repetitiven Gesten eine nahezu unerbittliche Klangwelt schafft. Der Verzicht auf konventionelle Entwicklung erzeugt eine statische Intensität, die sich aus Verdichtung und physischer Präsenz speist. Das Klavier wird hier nicht als singendes Instrument verstanden, sondern als schroffes Medium existenzieller Aussage. Gigashvili spielte die repetitiven Akkordschläge mit unerbittlicher Wucht, ohne dabei ins Dröhnende zu verfallen. Der Klang blieb hart, aber nie roh. Die Statik dieser Musik verwandelte sich in gespannte Erwartung. Jeder Anschlag wirkte wie ein existenzielles Statement. In diesen Minuten war der Saal elektrisiert.

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Nach dieser klanglichen Herausforderung wirkte die Zugabe wie ein bewusst gesetzter Gegenpol. Gigashvili sang ein georgisches Volkslied, schlicht, ungekünstelt. Es war mehr als eine charmante Geste. Nach der Radikalität Ustwolskajas hatte dieses Lied etwas Beruhigendes, beinahe Versöhnliches.