Die wunderbare Tonvermehrung

Gefeierte Richard-Dünser-Uraufführung in Konstanz.
konstanz „Sie dürfen auf dem Titelblatt ein Bild anbringen, nämlich einen Kopf mit der Pistole davor. Nun können Sie sich einen Begriff von der Musik machen! Ich werde Ihnen zu dem Zweck meine Photographie schicken! Blauen Frack, gelbe Hose und Stulpstiefeln können Sie auch anwenden…“ schrieb Brahms 1875 vor der Publikation seines Klavierquartetts in c-Moll, op. 60, an seinen Verleger, mit Anspielung an die Werther-Tracht, die durch den Protagonisten von Goethes Erfolgsroman zur Mode wurde, der sich am Schluss eine Kugel durch den Kopf jagt. Dieses Klavierquartett ist eines der aufwühlendsten Werke von Brahms; den autobiographischen Hintergrund bildet seine unglückliche Liebe zu Clara Schumann.
Der gebürtige Bregenzer Richard Dünser ist selbst ein international renommierter Komponist. Er besitzt aber auch die Gabe, sich das musikalische Idiom anderer Komponisten anzuverwandeln: So hat er etwa nach den erhaltenen Skizzen die Oper „Der Graf von Gleichen“ von Schubert auskomponiert. Auch Johannes Brahms ist vertrautes Terrain für ihn: Neben Liedbearbeitungen hat er bereits 2020 für das Klavierduo Sivan Silver und Gar Garburg das Klavierquartett op. 25 zu einem Konzert für Klavier vierhändig und Orchester ausgearbeitet, das mittlerweile auf der ganzen Welt aufgeführt und mit den Wiener Symphonikern auf CD eingespielt wurde.
Die Wertschätzung für dieses Weltklasse-Duo und der Mangel an Literatur für Konzerte mit Klavier zu vier Händen hat Dünser bewogen, nun auch Brahms‘ c-Moll-Quartett zu einem Klavierkonzert auszuweiten. „Wie beim Vorgängerwerk hat mich das unter der Oberfläche brodelnde konzertante Element und seine Entfesselung gereizt; der musikalische Inhalt, der kompositorische Reichtum und die Dichte des Satzes lassen durch die Instrumentation für Orchester ein Konzert mit symphonischem Brahms-Klang entstehen.“, schreibt er in der Einleitung zur Partitur. Die Uraufführung fand letzten Freitag in Konstanz statt, mit der Bodensee-Philharmonie unter dem aufstrebenden italienisch-russischen Dirigenten Sieva Borzak am Pult. Vom unbegleiteten ersten Klaviereinsatz an baute sich eine ausweglos düstere Stimmung auf: Das Duo Silver-Garburg spielte völlig der Musik hingegeben, fast wie in Trance, mit intensivstem Ausdruck und trotzdem spielerischer Leichtigkeit, die den Gedanken an technische Schwierigkeiten gar nicht aufkommen ließ. Borzak dirigierte mit suggestiven Gesten und Sinn für die fein abgestimmten Nuancen des Orchesterparts. Die Düsterkeit steigerte sich noch im wilden Scherzo, bevor im Andante ein wunderbar schwebendes Traumgeflecht aus den Stimmen entstand, mit einer tief gesetzten solistischen Klarinettenstimme. Im Finalsatz hellte sich die Stimmung bis zu den zwei abschließenden Orchesterschlägen etwas auf. Das atemlos lauschende Publikum dankte dem Komponisten und den Ausführenden mit spontanen Bravo-Rufen und langanhaltendem Applaus.
Umrahmt wurde diese Uraufführung von der schwungvollen Ouvertüre Nr. 2 von Emilie Mayer und drei Sätzen aus Smetanas „Mein Vaterland“ – Die Moldau, Tábor und Blaník –, die plastisch und farbig musiziert wurden und die hinter das Konzert unter dem Motto „Wellen der Erinnerung“ einen ebenfalls heftig beklatschten Schlusspunkt setzten. Weitere Uraufführungen von Richard Dünser kann man am 7. November 2026 bei „Texte und Töne“ in Dornbirn (Streichtrio „Hymne an die Nacht“) und im Herbst 2027 erleben, wenn „Gesänge der Ferne“, ein Auftragswerk des Symphonieorchesters Vorarlberg für Klarinette und Fagott solo und Orchester, erstmals erklingen werden.
Ulrike Längle