Musik im Zustand des Innehaltens

Kultur / 12.03.2026 • 15:24 Uhr
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Radoslaw Szulc begleitete Hélène Grimaud bei den Werken für Streicher und Klavier. Udo Mittelberger

Die Silvestrov-Gala bei den Meisterkonzerten überzeugte durch klangliche Feinzeichnung, forderte jedoch Geduld.

Bregenz Bei der „Valentin-Silvestrov-Gala mit Hélène Grimaud und dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte stand nicht das Virtuose, sondern das Verinnerlichte im Mittelpunkt. Den Auftakt bildete Silvestrovs „Hymne für Streichorchester“. Das Werk entfaltete sich in einem weit gespannten, ruhigen Atem. Radoslaw Szulc, künstlerischer Leiter und 1. Konzertmeister, vermied dabei jede Überzeichnung und ließ die Streicher einen homogenen, transparenten Klangraum formen. Die dynamischen Abstufungen wirkten sorgfältig modelliert und die Dissonanzen blieben weich eingebettet. Die Musik gewann ihre Wirkung weniger aus Steigerung als aus Beharrlichkeit. In der akustisch klaren Umgebung des Festspielhauses wurde die feine Binnenstruktur gut hörbar, wenngleich die Zurückhaltung bisweilen an die Grenze des Stillstands führte.

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Auf dem Programm standen neben Werken von Silvestrov auch Kompositionen von Schostakowitsch und Pärt.Udo Mittelberger

Mit Dmitri Schostakowitschs „Präludium und Scherzo” trat ein schärfer konturierter Tonfall hinzu. Das frühe Orchesterwerk aus den Jahren 1920/21 zeigt bereits die Spannung zwischen lyrischer Verdichtung und ironischer Zuspitzung, die später charakteristisch für Schostakowitschs Musik werden sollte. Das Präludium entfaltete sich in dunkel grundierter Konzentration. Die Streicher führten die chromatischen Linien kontrolliert und die harmonischen Reibungen blieben klar ausgeleuchtet. Im Scherzo gewann die Interpretation an rhythmischer Schärfe. Pointierte Akzente und präzise Motorik verliehen dem Satz nervöse Energie. Das Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks arbeitete die Kontraste differenziert heraus, wobei die Ironie eher angedeutet als grell blieb. So entstand ein stimmiges Bild dieses frühen Opus, in dem der unverwechselbare Ton des jungen Komponisten bereits aufscheint.

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Udo Mittelberger

Nach „Fratres” folgte Arvo Pärts weltberühmtes „Spiegel im Spiegel”, das eine Phase äußerster Reduktion einleitete. Die Violine spielte lange, schlichte Linien, das Klavier antwortete mit gleichmäßigen Dreiklangsbrechungen. Grimaud hielt das Tempo sehr ruhig und die Dynamik blieb im unteren Bereich. Die Transparenz des Zusammenspiels war hoch und jede Verschiebung war nachvollziehbar. Die meditative Anlage des Werks verlangt ein hohes Maß an innerer Intensität, die konsequent gesucht wurde, jedoch blieb die Wirkung eher kontemplativ als spannungsreich.

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Nach der Pause folgten weitere Werke Silvestrovs. In den „Bagatellen” zeigte sich Grimaud als sensible Gestalterin feiner Übergänge. Mit differenziertem Pedaleinsatz und subtilen Verzögerungen verlieh sie den scheinbar schlichten Dreiklängen eine schwebende Qualität. Hier war nicht technische Brillanz gefragt, sondern ein Gespür für Atem und Zeitmaß. Grimaud begegnete dieser Anforderung mit Ernsthaftigkeit. Gelegentlich wirkte die Interpretation jedoch fast zu kontrolliert, obwohl ein freieres Fließen denkbar gewesen wäre. Mit der „Stillen Musik” für Streichorchester führte Szulc das Ensemble erneut in einen leisen, nostalgisch gefärbten Klangraum. Die Walzer- und Serenadenmotive blühten behutsam auf. Anklänge an spätromantische Idiome wurden nicht überzeichnet, sondern sachlich präsentiert. Besonders in den leisen Schlusswendungen zeigte das Ensemble hohe Disziplin im Pianissimo. Über weite Strecken gelang die Balance zwischen klanglicher Wärme und struktureller Klarheit.

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In „Der Bote” sowie in den „Zwei Dialogen mit Nachwort” traten Klavier und Streicher in einen zurückhaltenden Austausch. Die Pausen erhielten Gewicht, die Akkorde standen wie Fragmente im Raum. Grimaud fügte sich kammermusikalisch ein, ohne solistischen Vordergrundanspruch. Das Orchester reagierte sensibel auf ihre Impulse. Die Musik wirkte wie ein Nachdenken über Vergangenes, weniger als dramatische Entwicklung denn als Folge von Erinnerungsmomenten.

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Udo Mittelberger

Der Abend folgte insgesamt einer klaren ästhetischen Linie: Reduktion, Verlangsamung und Konzentration auf das Leise. Das Publikum begegnete diesem Konzept aufmerksam und mit spürbarer Ruhe. Allerdings stellte sich im Verlauf die Frage, ob die programmatische Ballung kontemplativer Werke tatsächlich über die gesamte Dauer hinweg tragfähig war oder ob die permanente Zurücknahme der Mittel nicht doch zu einem gewissen Grad an Monotonie führte.