Identität in vorgefertigter Form

Im Kunstraum Remise verdichtet Mari Iwamoto natürliche Stoffe zu philosophischen Skulpturen.
Bludenz Bis zum 19. April ist im Kunstraum Remise in Bludenz das Werk der 1987 in Tokio geborenen Künstlerin Mari Iwamoto zu sehen. Ihre Arbeiten verorten sich zwischen Schmuckkunst, Objekt und Text und überführen die leisen, doch nachhaltigen Verschiebungen von Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit in poetisch verdichtete Formen. Iwamoto studierte zunächst am Hiko Mizuno College of Jewelry in Tokio und schloss 2017 ihr Diplomstudium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Professor Otto Künzli und Professorin Karin Pontoppidan ab. Heute lebt und arbeitet sie überwiegend in München. Als Grenzgängerin zwischen japanischer und deutscher Kultur reflektiert sie in ihrer künstlerischen Praxis immer wieder das Gefühl der Dislokation, jenes Dazwischen, das weder eindeutig hier noch dort verortet ist und gerade darin produktiv wird.
Individualität, Gesellschaft, Politik
Charakteristisch für Iwamotos Werk ist die intensive Auseinandersetzung mit der Materialität natürlicher Dinge wie Gemüse, Samen, Brot oder Sand sowie mit alltäglichen Techniken des Klebens, Kochens, Pressens oder Schälens. Aus diesen einfachen, oft übersehenen Handlungen entwickelt sie skulpturale Arbeiten, die Fragen nach Individualität, Gesellschaft, Politik und Vergänglichkeit aufwerfen. Die Kuratorin und Künstlerin Christine Lederer, verantwortlich für das Programm des Kunstraums Remise, beschreibt Iwamotos Œuvre als „philosophisch-künstlerische Erzählpraxis mit einem hohen Maß an Feinsinnigkeit“ und als „akribisch sensible Arbeit mit der Materialität“, die sich in präzise gesetzten skulpturalen Werken manifestiere.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Installation mit drei Skulpturen, die formal an überdimensionale Playmobil-Figuren erinnern. Iwamoto greift das ikonische Spielzeugsymbol auf und transformiert es in eine vielschichtige Allegorie. Die ursprünglich hohlen und glatten Köpfe der Figuren füllt sie mit Popcorn, das aus erhitzten Maiskörnern entsteht. Auch die Körper sind mit Müllsäcken behangen, die wiederum Maiskörner enthalten. Das scheinbar harmlose Material wird hier zum Träger einer politischen Lesart. Das Popcorn fungiert dabei nicht als dekoratives Element, sondern als Metapher einer medialisierten Öffentlichkeit, in der Aufmerksamkeit zur Ware wird und politische Prozesse sich in spektakuläre Aufführungen verwandeln. Christine Lederer weist darauf hin, wie schnell die Wahrnehmung in „vorgefertigte, kindlich glatte Formen“ rutscht und wie bequem diese Formen das Kritische dämpfen können. Die standardisierte, gesichtslose Kopfform der Playmobil-Figur steht für das Individuum als Teil einer anonymen Masse. In der überlebensgroßen Ausführung wird sie zur Stellvertreterin für Bürgerinnen und Bürger, deren Identität hinter normierten Rollenbildern verschwindet.
Farbe und Substanz
Ein weiteres Werk der Ausstellung ist ein Würfel, der ausschließlich aus Paprikasamen besteht. Rund 600 Arbeitsstunden investierte Iwamoto in diese Skulptur, deren intensive Farbigkeit unmittelbar aus dem Material selbst erwächst. Hier fallen Farbe und Substanz zusammen, jede Nuance ist das Resultat geduldiger Handarbeit. Die Arbeit verweist auf den Wert von Tätigkeit und auf die Frage nach dem Sinn des Produzierens in einer beschleunigten Gesellschaft. Schließlich setzt sich Iwamoto anhand eines über Jahre ungeöffneten Wörterbuchs mit der Fragilität von Sprache auseinander. Sie fragt, ob Wörter, die nie von Mensch zu Mensch weitergegeben wurden, aufhören zu existieren, als wären sie nie gewesen. In dieser leisen, doch eindringlichen Reflexion verdichtet sich das zentrale Anliegen der Künstlerin: die Suche nach Spuren von Identität in einer Welt, in der Bedeutungen, Bilder und Rollen fortwährend neu geformt und ebenso rasch wieder vergessen werden.