Formung und Findung

Kultur / 25.03.2026 • 14:46 Uhr
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Seit über 50 Jahren zählt Eleanor Antin zu den wegweisenden Stimmen ihrer Generation.Eleanor Antin

Eleanor Antin – Eine Retrospektive ab Donnerstag im Kunstmuseum Liechtenstein.

Vaduz Mit Eleanor Antin widmet das Kunstmuseum Liechtenstein einer Künstlerin eine große Retrospektive, die seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen der Gegenwartskunst zählt. Die 1935 in New York geborene Amerikanerin hat mit ihrer Arbeit früh Fragen aufgeworfen, die heute aktueller erscheinen denn je: Wie entsteht Identität, wie werden Rollen erzeugt, wie formen Geschichte, Macht und gesellschaftliche Erwartungen das Bild, das Menschen von sich selbst entwerfen?

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Die Aktion sowie Postkartenserie “100 Boots” zählen zu einer ihrer ikonischen Arbeiten.Eleanor Antin

Antin wurde als Pionierin der künstlerischen Selbstinszenierung bekannt. In Fotografie, Film, Text, Performance, Skulptur und Installation erschafft sie Figuren, erfindet Biografien und entwirft Szenarien, in denen sich Realität und Fiktion auf produktive Weise verschränken. Dabei geht es nie bloß um Verkleidung oder Spiel, sondern um die grundlegende Frage, wie das Selbst entsteht und wie es von äußeren Zuschreibungen geprägt wird. Ein Satz der Künstlerin bringt diese Haltung prägnant auf den Punkt: „Ich habe immer gedacht, dass man dem folgen sollte, was man selbst wirklich tun will, nicht dem, was andere von einem erwarten. Doch was man will, muss man oft erst herausfinden. Manchmal offenbart es sich erst im Handeln, manchmal weiß man es schon vorher. Als ich diesen Weg einschlug, fand ich darin auf gewisse Weise einen Sinn für mein Leben.“

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Eleanor Antin

Die Ausstellung in Vaduz ist die erste Retrospektive Antins in Europa. Sie spannt einen weiten Bogen von den frühen performativen Arbeiten der 1960er Jahre bis zu jüngeren Werken und zeigt, wie geschlossen und zugleich vielgestaltig dieses Œuvre ist. Zu den frühen Schlüsselwerken zählt die legendäre Postkartenserie „100 Boots“ von 1971 bis 1973, in der hundert schwarze Gummistiefel in einer ebenso absurden wie erzählerisch aufgeladenen Reise von Kalifornien nach New York geschickt werden. Ebenfalls zentral ist „Carving: A Traditional Sculpture“ von 1972, eine Arbeit, in der Antin ihren eigenen Körper über 37 Tage hinweg formt und dokumentiert und damit Fragen nach Körperlichkeit, Disziplin und Selbstbestimmung radikal zuspitzt.

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Andreas Marte

Im Zentrum ihres Schaffens stehen die von ihr entwickelten Personas. Der König, die Ballerina und die Krankenschwester sind keine bloßen Masken, sie sind komplexe Gegenfiguren, in denen sich historische Bezüge, gesellschaftliche Rollenbilder und innere Widersprüche bündeln. Der König wird zu einer politischen Figur, während die Ballerina das Idealbild weiblicher Perfektion aufruft und zugleich entlarvt. Die Krankenschwester wiederum bewegt sich zwischen Verführung, Abhängigkeit und Macht. Antin untersucht mit diesen Figuren die Mechanismen kultureller Zuschreibung mit Witz, Präzision und großer erzählerischer Intelligenz.

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Andreas Marte

Spätere Arbeiten greifen stärker historische und jüdisch kulturelle Bezüge auf. In dem Film „The Man Without a World“ oder in der raumgreifenden Installation „Vilna Nights“ entwirft Antin Welten der Erinnerung, der Rekonstruktion und der bewussten Theatralik. Im Spätwerk wird sie mehr und mehr zur Regisseurin großer Tableaus. Die Serie „Historical Takes“ führt in eine überzeichnete Antike, in der sich Glanz, Verfall und Machtmissbrauch spiegeln. So macht diese Retrospektive deutlich, dass Eleanor Antins Kunst weit mehr ist als ein Kapitel der Konzeptkunst. Sie ist eine kluge, oft überraschende und bis heute wirksame Auseinandersetzung mit der Frage, wer wir sind, wer wir sein wollen und wer wir für andere zu sein haben.

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Die Eröffnung findet am Donnerstagabend statt; am Sonntag laden Christiane Meyer-Stoll, Direktorin des Kunstmuseum Liechtenstein, und Hanno Loewy zu einer Führung mit anschließendem Gespräch.