Abschied von einem Grenzgänger

Mit dem Eintritt Hanno Loewys in den Ruhestand geht eine Ära zu Ende, die das Jüdische Museum über viele Jahre entscheidend geprägt hat.
Hohenems Mit Ende März 2026 verabschiedet sich Hanno Loewy, der das Jüdische Museum Hohenems seit 2004 geleitet und weit über Vorarlberg hinaus geprägt hat, in den Ruhestand. Mit ihm geht eine Persönlichkeit, die dieses Haus nicht nur verwaltet, sondern ihm eine unverwechselbare Haltung gegeben hat: intellektuell wach, politisch aufmerksam, diskussionsfreudig, historisch präzise und dabei stets offen für die Zumutungen und Widersprüche der Gegenwart.

Loewy, am 17. Februar 1961 in Frankfurt am Main geboren, ist Literatur- und Medienwissenschaftler, Publizist und Ausstellungsmacher. Er studierte Literaturwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Kulturanthropologie in Frankfurt und promovierte an der Universität Konstanz über den ungarisch-jüdischen Filmtheoretiker Béla Balázs und die Ideengeschichte des Films im Spannungsfeld ästhetischer, philosophischer und politischer Utopien des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1982 ist er als Kurator und Publizist tätig, war an den Dauerausstellungen des Jüdischen Museums Frankfurt und des Jüdischen Museums Berlin beteiligt, wurde 1995 Gründungsdirektor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt und leitete dort später die Abteilung Erinnerungskultur und Rezeptionsforschung.

Vor allem aber ist sein Name seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Hohenems verbunden. Loewy erinnert sich an einen frühen, beinahe poetischen Moment dieser Bindung: „Im Februar vor 32 Jahren saßen meine liebe Astrid und ich auf einer Bank im Schnee. Vor uns der Hohe Freschen, hinter uns die Emser Hütte an der Fluhreck.“ Damals habe er noch nichts von seiner Zukunft in Hohenems gewusst, „aber wir hatten ein diffuses Gefühl, angekommen zu sein“. Was ihn berührte, sei „eine uneitle Leidenschaft für ein Museum, das selbst auf einer imaginären Grenze stand, zwischen Zugehörigkeit und Fremdeln“.

Diese Formulierung beschreibt auch Loewys Zugang zu seiner Arbeit. Unter seiner Leitung wurde das Jüdische Museum Hohenems zu einer international anerkannten Institution, die jüdische Geschichte nie als abgeschlossenen Erinnerungsraum begriff, sondern als lebendige, gegenwartsbezogene Erzählung. Diaspora, Migration, kulturelle Identität, Erinnerungskultur, Antisemitismus, Rassismus und gesellschaftliche Vielfalt wurden in Hohenems nicht nebeneinandergestellt, sondern miteinander ins Gespräch gebracht.

Dass ihm dieser Ort so viel bedeutete, machte Loewy selbst deutlich. Die vergangenen 22 Jahre seien für ihn „jeden Tag ein Abenteuer und eine Herausforderung, eine Lust, und manchmal auch ein Drama und eine Angst vor Verlust, manchmal auch ein Manövrieren am Abgrund und oft genug ein großer Spaß“ gewesen. In diesem Satz steckt viel von dem, was seine Direktion auszeichnete: Leidenschaft ohne Pathos, Ernst ohne Schwere, Ironie ohne Zynismus.

Für Loewy war Hohenems nie Provinz, sondern Verdichtung. „Hohenems ist europäische Geschichte und Gegenwart in a nutshell“, sagt er, und zugleich verkörpere der Ort „the Jewish condition“: „Ein Ort an und auf allen Grenzen. Im Eigenen im Fremden und im Fremden im Eigenen.“ Gerade aus dieser Grenzlage heraus entwickelte das Museum seine besondere Strahlkraft. Loewy verstand es, die Geschichte der Hohenemser Juden mit globalen Erfahrungen von Zerstreuung, Erinnerung und Wiederbegegnung zu verbinden. „Wenn es irgendwo eine Museums-Community gibt, die die ganze Welt umfasst, dann ist es die Hohenemser Diaspora“.

Vielleicht ist darin das Entscheidende zu finden: dass dieses Museum unter Loewy nicht nur Ausstellungen produzierte, sondern Begegnungen ermöglichte. “Ein kostbarer Ort der Erkundung unserer Gegenwart“, an dem „Juden und Muslime, Christen und Agnostiker, Israelis und Palästinenser“ ebenso miteinander ins Gespräch kommen wie „Zürcher jüdische Kulturvereine genauso wie Hohenemser Handwerker, Linke und FPÖ-Bürgermeister“.