Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Kommentar: Unruhestand

Politik / 25.03.2026 • 16:27 Uhr

Noch ein paar Tage, dann beginnt mein drittes Leben. Ein Leben ohne Excel-Tabellen, Budgetverantwortung und Vorstandssitzungen, Berichtspflichten und Bettelbriefe. Ohne hunderte von E-Mails am Tag und ohne Verantwortung für Arbeitsplätze und gutes Betriebsklima. Wobei letzteres mir fehlen wird. Denn das hat eigentlich fast immer Freude bereitet, wie auch die täglichen Überraschungen. Gute Gespräche mit unendlich vielen Menschen, von denen viele einfach unangekündigt hereingeschneit kommen. Und das Museum als das nutzen, was es im Kern ist: das Herz einer kritischen Öffentlichkeit, einer Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt bei aller Polarisierung nicht verloren hat, in der immer noch alle mit allen reden können. 

Vieles wird sich ändern, manches bleibt gleich. Ins Jüdische Museum gehe ich nun als Gast. Dort gibt es schließlich den besten Kaffee im Land. Und auch das Programm wird spannend bleiben, und in Zukunft auch für mich überraschend sein.

Gleich bleiben auch die Sorgen, mit denen jeder Tag beginnt, wenn man nur die Nachrichten hört, und seine Ohren und sein Herz dem wachsenden Irrsinn nicht ganz verschließt. Meine iranischen Freunde sind nun zwischen Hammer und Amboss geraten, zwischen dem Terror der Mullahs und dem Terror, mit dem Trump und Netanjahu Kriegsziele verfolgen, die sich jeden Tag ändern, also keine sind. Weil ihnen die Menschen im Iran und natürlich auch im Libanon und letztlich auch in Israel und Palästina eh vollkommen egal sind.

Gleichbleiben wird auch unser Lebensmittelpunkt Hohenems, an dem wir so viel Gutes erlebt haben, dass es für mehr als drei Leben reicht. Auch wenn man manchmal den Kopf schütteln muss, wenn einem das begegnet, was es überall in der Welt gibt. Boshaftigkeit, Neid und Ressentiment. Die Leserbriefspalte dieser Zeitung ist dafür wie immer ein gutes Ventil, wie man gerade vorgestern mal wieder erfahren durfte. Aber damit kann man gut leben, jedenfalls wenn man seinen Humor nicht verliert. Vorgestern sind wir am alten Rhein auch einem Radfahrer begegnet, der etwas ratlos nach unseren kleinen symbolischen Grenzsteinen gesucht hat, die an die Schicksale von Flüchtlingen an der Grenze erinnern. Sie sind halt eher unauffällig und teilen ihre Geschichte nur denen mit, die bereit sind, danach zu suchen. In unserem schönsten Naherholungsgebiet, wo wir im Sommer schwimmen gehen und uns den Luxus erlauben, auch ein wenig über die Menschheit und ihre Abgründe nachzudenken. Auch wenn das manchen Betonschädeln nicht passt.

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.