„Als ob das Heute erstrebenswert wäre!“

Kultur / 10.04.2026 • 08:52 Uhr
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Nicholas Ofczarek ist unter anderem zweifacher Nestroypreisträger und zweifacher Grimme-Preisträger.Tommy Hetzel

Nicholas Ofczarek über seine am 21. April im Festspielhaus stattfindende Produktion „Holzfällen”.

Bregenz Nach dem Erfolg am Wiener Burgtheater ist Thomas Bernhards Roman „Holzfällen“ in einer Bühnenfassung von und mit Nicholas Ofczarek und der Musicbanda Franui erstmals in Bregenz zu erleben. In einer „Musikalisierung für elf Stimmen“ wird Bernhards skandalumwitterte Gesellschaftssezierung mit scharfer Präzision, Musikalität und Humor neu erfahrbar. Thomas Bernhards Prosa wird von Nicholas Ofczarek rezitativisch zum Leben erweckt, während die Musikerinnen und Musiker von Franui mit dem Zelebrieren von Trauermärschen und Trauermusik zu hören sein werden. Die Aufführung findet am 21. April im Bregenzer Festspielhaus statt.

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Thomas Bernhards „Holzfällen“ ist ein Text voller Hohn, Wut und Kränkung. Was reizt Sie persönlich an diesem Furor am meisten?

Nicholas Ofczarek Bei aller Wut, die in dem Text steckt, ist es für mich doch am beeindruckendsten, wie der Erzähler im Verlauf des Abends die Wut am meisten gegen sich selbst richtet – er geißelt sich vor unser aller Augen stellvertretend für seine Lügen, für „seine Niedertracht und Gemeinheit“, wie es im Buch heißt. Das hat – wie bei der Eucharistie– eine kathartische Wirkung für das Publikum. Da gibt es immer die lautesten und verzweifeltsten Lacher! Insofern ist der Abend eine Befreiung.

Bernhard verspottet in „Holzfällen“ auch Burgtheaterschauspieler. Spielt man diesen Text als Insider, als Angegriffener oder als Komplize?

Nicholas Ofczarek Bernhard verspottet hier niemanden. Eine Figur, ein Ich-Erzähler in Bernhards Roman erhebt sich über „den Burgschauspieler“. Selbstverständlich spiele ich das als Komplize!

Wie sehr trägt die Musik den Abend, und wo widerspricht sie Ihrer Rezitation?

Nicholas Ofczarek Diesen Widerspruch gibt es nicht! Wir begreifen „Holzfällen“ als Sprachpartitur für elf Stimmen. Es ist faszinierend, gemeinsam herauszufinden, was die Musik alles kann. Sie kann vorausnehmen, wiederholen, unterirdische Verbindungen herstellen, die man vielleicht schon erahnt hat. Den Franuis geht es wie Bernhard immer darum, eine Vieldeutigkeit entstehen zu lassen. Nichts ist langweiliger als ein Text oder eine Musik, wo man sofort weiß, was man empfinden soll.

„Als ob das Heute erstrebenswert wäre!“
Seit September 2024 wurden fast 50 ausverkaufte Vorstellungen im gesamten deutschsprachigen Raum gespielt.TOMMY HETZEL 

Ist dieser Abend für Sie eher Satire, Totenmahl oder eine Art Abrechnung mit dem Kunstbetrieb?

Nicholas Ofczarek Weder Satire noch Totenmahl oder Abrechnung. Unser Holzfällen ist ein neues Format: In der engen Verzahnung von Sprechtext, Musik und unserem Spiel entsteht etwas, was man vielleicht früher einmal Melodram genannt hat. Wir sagen darum auch: Dieser Abend ist keine Theateraufführung, keine Oper, keine Lesung mit Musik, kein Hörspiel – und er hat doch von allem etwas.

„Holzfällen“ ist am 21. April 2026 im Festspielhaus Bregenz zu erleben. Was, glauben Sie, trifft an diesem Bernhard-Abend heute noch besonders ins Mark?

Nicholas Ofczarek Das sollen die Zuschauer beurteilen! Unser Bestreben ist es nicht, den Text ins Heute zu holen. Das Publikum möge für sich entscheiden, ob und in welchen Bereichen wir uns weiterentwickelt haben. Oder es kann sagen: Es hat sich eigentlich nichts verändert. Es ist alles noch schlimmer geworden! Die Übertragung ins Heute – das ist das Missverständnis am Theater! Als ob das Heute so erstrebenswert wäre … Unsere Aufgabe ist es – und diese Herausforderung ist groß genug! – Qualität herzustellen. Die Interpretation obliegt immer den Betrachtenden. Dass der Text nach wie vor relevant ist, beweist die Tatsache, dass wir seit September 2024 fast 50 ausverkaufte Vorstellungen im gesamten deutschsprachigen Raum gespielt haben.