Haben wir eine Krise?

VN-Kommentar von Walter Fink.
Ich habe die Freude, Teilnehmer einer Runde zu sein, die sich nach Möglichkeit alle zwei Wochen in einem Gasthaus trifft, um sich über die neuesten und auch älteren Entwicklungen zu unterhalten. Wir sind nicht nur freundlich zueinander, schon gar nicht, wenn es um die Einschätzungen von meist politischen, schulpolitischen oder kulturpolitischen Themen geht. Divergierende Meinungen sind an diesem Tisch höchst willkommen, sorgen sie doch für eine gewisse Lockerheit und Heiterkeit. Allerdings: Ganz ohne Bosheit geht’s dann doch nicht, weshalb ich mir erlaubt habe, diese Runde als „Stammtisch der gepflegten Boshaftigkeit“ zu bezeichnen. Ich denke, dass das ziemlich genau trifft.
Trotz solcher Einschätzung werden viele Themen behandelt und ausgetauscht, die die heutige Situation, vor allem die politische Situation sehr genau einschätzen. Und so kamen wir bei unserem letzten Treffen zu einem fast unheimlichen Befund, der von allen Anwesenden geteilt wurde. Wir meinten, uns in einem kulturellen Umfeld zu bewegen, das viel mehr an die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts denn an die heutige Zeit gemahnt. Politische Haltungen eines damaligen Landeshauptmannes und Kulturreferenten Herbert Keßler und eines Kulturhofrates Arnulf Benzer scheinen uns bei heutigen Entscheidungen in der Kulturpolitik näher denn je. Und die liberale, offene Zeit, die von Kulturlandesrat Guntram Lins – Gott hab ihn wirklich selig, auch wenn er nicht daran geglaubt hat – gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts und auch noch von seinem Nachfolger Hans-Peter Bischof bis ins Jahr 2006 ins Land gebracht wurde, scheint Vergangenheit. Und das obwohl der heutige Landeshauptmann Markus Wallner ein noch durchaus geschätzter Nachfolger von Bischof als Kulturlandesrat wurde.
Aber das ist vorbei. Kulturpolitik im Sinne des Wortes, dass man etwas gestalten will, dass man ein Experimentierfeld des Geistes und des Wortes schaffen will, das will heutige Politik weder für die Kultur noch für die Wissenschaft. Durch die allgemeine Budgetknappheit tun sich die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger leicht in ihrer Argumentation und schieben alles auf das fehende Geld. Es geht aber nicht immer nur ums Geld, es geht um Haltung, es geht darum, dass man gerade in finanziell schwierigen Zeiten mehr Ideen haben muss, kreativ werden muss. Kultur und Wissenschaft sollen nicht verhindert, sondern mit freiem, nicht eingeschränktem Geist gestaltet werden. Ist aber nicht so. Also der Befund: Wir haben eine Kulturkrise.
Kulturpolitik ermöglicht derzeit nicht, sie lässt im Gegenteil nur wenig zu. Das ist auch der Grund, warum uns die alten Zeiten eingefallen sind, in denen wir uns – damals noch jung – gegen solche Politik erhoben, ihr eigene Ideen entgegengestellt haben. Ich frage mich, wo diese aufmüpfigen Jungen – denn es müssen Junge sein – heute sind? Warum begehren sie nicht auf, warum lassen sie sich alle Kürzungen widerspruchslos gefallen, warum kann Politik schalten und walten wie sie will? Es wird Zeit, höchste Zeit, dass der Politik ihre Grenzen gezeigt werden. Auf dass die Krise, die ja nicht nur eine Kulturkrise ist, nicht anhalte.