Exotische Antipoden

Kultur / 12.04.2026 • 11:17 Uhr
Das Brodsky-Quartett mit William Barton. Copyright Barbara Huber
Das Brodsky-Quartett mit William Barton. Barbara Huber

Das Brodsky Quartett und der Didgeridoo-Spieler William Barton bei Dornbirn Klassik.

Dornbirn Wie klingt Australien? Wer am letzten Freitag die Abo-Reihe von Dornbirn Klassik besucht hat, konnte einen faszinierenden Eindruck von der Musik dieses Kontinents gewinnen. Das britische Brodsky-Quartett, das für seine ungewöhnlichen, spartenübergreifenden Programme bekannt ist, hat als Österreich-Premiere im Dornbirner Kulturhaus ein Konzert gegeben, bei dem es zusammen mit dem australischen Didgeridoo-Virtuosen William Barton aufgetreten ist. Gespielt wurden Kompositionen der Europäer Henri Purcell, Igor Stravinsky und Leoš Janáček, der Australier Peter Sculthorpe, Robert Davidson und Andrew Ford und der Neuseeländerin Salina Fisher. Zu verdanken hat man diesen Abend der Sonderklasse dem seit kurzem pensionierten Dornbirner Kulturamtsleiter Roland Jörg, der das weltbekannte Streichquartett schon vor dreißig Jahren nach Bludenz und dann immer wieder nach Dornbirn eingeladen hat.

Exotische Antipoden
Der australische Didgeridoo-Virtuose William Barton. Barton Gallery

Schon mit den ersten Klängen seines archaischen Blasinstrumentes riss der hochgewachsene Aborigene William Barton, der einer der berühmtesten Musiker seines Landes und auch Komponist, Sänger und Songwriter ist, den Vorhang in eine andere Welt auf. Man glaubte sich plötzlich im Busch, mit geheimnisvollen Tierlauten wie dem Lachen des Kookaburra, fern jeder westlichen Zivilisation – in einer uralten spirituellen Sphäre. Als maximalen Kontrast intonierte das Quartett dann Purcells polyphon verflochtene Fantasia Nr. 5 in d-Moll, alteuropäische Musik aus dem 17. Jahrhundert – und doch verbindet das Material Holz beide Klangwelten, worauf der Bratschist Paul Cassidy in seiner Moderation hinwies. In der Folge entspann sich ein dichter Dialog zwischen dem Streichquartett und dem Didgeridoo: zuerst in Sculthorpes Streichquartett Nr. 11, das rhythmische Muster der Musik der Kakadu-Region in Nordaustralien und einen Aborigine-Gesang verarbeitet, dann in Davidsons Quintett „Minjerribah“, in dem sich Naturlaute und Vogelrufe mischten. Mit Janáčeks Streichquartett Nr. 1 „Kreutzersonate“ bot das Brodsky-Quartett dann europäische Programmmusik: eine hochexpressive, bis ins kleinste Detail geistig durchgestaltete Interpretation dieses Werkes, das eine Ehekrise mit der Ermordung der Frau durch den eifersüchtigen Gatten musikalisch darstellt. Wie die Musikerinnen und Musiker nach fünfzig Jahren Zusammenspiel miteinander harmonieren, wie intensiv das gegenseitige Aufeinanderhören ist, mit welch selbstverständlicher Virtuosität sie spielen – das ist einfach grandios.

Exotische Antipoden
SARAH_CRESSWELL

Auch bei Stravinskys rhythmisch akzentuiertem „Dance“ aus den Drei Stücken für Streichquartett wirkte das Didgeridoo mit. In Fishers „Tōrino – Echoes of the Pūtōrino“ hörte man Anklänge an die Klangwelt des Pūtōrino, eines neuseeländischen Maori-Blasinstruments mit charakteristischen Vierteltönen. Europäische und australische Klangwelten mischten sich in Fords Streichquartett mit Didgeridoo Nr. 7 „Eden Ablaze“, das an die Buschbrände von 2019 erinnert und in das Händels „Ombra mai fu“ (das berühmte Largo aus „Xerxes“) eingearbeitet ist. Mit einem irischen Folksong ließ sich Cassidy, gebettet auf satten Streicherklang, auch als Sänger hören, bevor Barton ebenfalls singend aus dem Saal auf die Bühne wanderte, wieder zum Didgeridoo griff und untermalt von immer heftigeren Rhythmen im Quartett in seiner Komposition „Square Circles Beneath the Red Desert Sand“ die Geister seines Landes beschwor.

Es war ein außergewöhnlicher spiritueller Abend, den das Publikum im vollbesetzten Kulturhaus mit begeistertem Applaus bedachte, bevor eine ruhige Zugabe von Sculthorpe noch einmal die exotische Klangwelt unserer Antipoden lebendig werden ließ.

Ulrike Längle